90 statt 100 Jahre Feuerwehr Satzkorn
6. Juli 2017
Barockkonzert mit der Sopranistin Cornelia Marschall
6. Juli 2017

Vom einstigen holländischen Flair in Satzkorn

Hans Nehl im Interview mit Gertraud Schiller, 4. und letzte Folge

Satzkorn hat Tulpen ins Ortswappen geprägt. Angebaut wurden in dem heutigen Potsdamer Ortsteil Tulpen und Gladiolen.

Wann erreichte der Anbau seinen Höhepunkt?

Hans Nehl: In den 70-er Jahren, nach kurzer wechselvoller Entwicklung. Die Anbauflächen der Tulpen und Gladiolen wuchsen nicht kontinuierlich, sondern es gab auch arge Rückschläge. So im Frühjahr 1968, als ein schweres Unwetter mit Sturm, Hagel und wolkenbruchartigem Regen immense Schäden anrichtete. Der gesamte in Blüte stehende Tulpenbestand wurde vom Hagel total zerschlagen und konnte sich danach nie wieder voll regenerieren. Zum gleichen Zeitpunkt waren Gladiolen an der Eisenbahntrasse, zwischen dem Bahnhof Satzkorn und der Schranke an der Betonstraße frisch gepflanzt. Der Regenguss spülte hier die Knollen aus und transportierte sie fast einen Kilometer weit bis zum Dorf in das Gebiet des heutigen Gladiolenweges. Im darauf folgenden Frühjahr dezimierte noch einmal ein über längere Zeit stagnierendes Frühjahrshochwasser den Tulpenbestand.

Das ehemalige Tulpenhaus gehört heute zum Obstgut Marquardt GbR in Potsdam, OT Satzkorn

Warum wurde die Tulpen- und Gladiolenproduktion in Satzkorn beendet?

Hans Nehl: Als bei Gladiolen die 40-Hektar-Grenze überschritten war, und die Tulpen fast 20 Hektar Anbaufläche erreicht hatten, wurde von Partei und Regierung der DDR beschlossen, den Obstanbau wesentlich auszuweiten und im Havelländischen eine Gesamtfläche von rund 10. 000 Hektar Obst zu schaffen. Als Pionier dieses Projektes wurde das VEG Satzkorn bestimmt. Von hier aus begann 1973 eine mächtige Umstrukturierungsphase aller im Havelländischen Obstanbaugebiet ansässigen landwirtschaftlichen und gärtnerischen Betriebe, der Aufbau eines gigantischen Obstanbaugebietes. Die LPG Obstproduktion Marquardt (zu der auch die Satzkorner Flur gehörte) war hieran mit 2.600 Hektar Obstfläche beteiligt. Die Kehrseite der damit wesentlich gesteigerten Obstproduktion aber war, dass schließlich der für Tulpen und Gladiolen verfügbare Flächenfonds immer geringer wurde. Alle Bemühungen, den Anbau auf Flächen benachbarter Landwirtschaftsbetriebe weiterzuführen, scheiterten. Meist reichten die verfügbaren Felder nicht aus, oder die Bodenqualität genügte nicht. Letztendlich verschwanden somit 1974 die Gladiolen und 1978 die Tulpen aus Satzkorn. Die bisher im Blumenzwiebelanbau beschäftigten Mitarbeiter/innen fanden meist im Obstbau und den angegliederten Produktionszweigen eine neue Arbeit. Heute nutzt die Obstgut Marquardt GbR das Tulpenhaus unter anderem für die Lagerung von Äpfeln.

Tulpenfarbreichtum im Gladiolenweg

Sie erzählten mir mal, dass Sie sich besonders darüber freuen, dass in dem zuletzt errichteten Satzkorner Wohngebiet Straßennamen nach Tulpen und Gladiolen benannt wurden.

Hans Nehl: Ja, darüber freue ich mich. Der Tulpen- und Gladiolenweg erinnern so an unser einstiges Projekt. Und ich bin der Gemeindevertretung Satzkorn der 1990-er Jahre sehr, sehr dankbar, dass sie damit diese Erinnerung aufrechterhalten haben.

Herr Nehl, Sie sehen so aus wie vor 30 Jahren, als wenn Sie nicht älter geworden sind. Darf ich Sie nach Ihrem Alter fragen?

Hans Nehl: Liebe Frau Schiller, hier tragen Sie enorm stark auf, zu viel Honig. Im Umkehrschluss könnte ich auch folgern „Ich sah vor dreißig Jahren schon genauso alt aus, wie heute.“ Aber egal, ich werde, so Gott will, im nächsten Jahr 80.

Herr Nehl, herzlichen Dank, dass wir soviel über die drei Tulpen im Satzkorner Wappen  erfahren konnten, aber die 80 wird ihnen kaum jemand glauben.

 

Text und Fotos: Gertraud Schiller

 

X