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Und wenn Türken und Heiden kämen!

Serie zur Interaktion  „Stadt trifft Kirche“  im Rahmen  des  500. Reformationsjubiläums.
Legende Potsdam – Diskursethik zwischen Konfession und Weltanschauung
In Zeiten der Potsdamer Toleranz, zwischen Sklavenverkauf in Groß Friedrichsburg, Kur- Brandenburgischem Edikt, Soldatendrill, Ästhetisierung, Preußenverehrung, Preußenhass und Marketing.
Eine Polemik von Hans Groschupp, Folge 7:  „Und wenn Türken und Heiden kämen!“

Der erste protestantische Preuße, die Toleranz eines großen Königs, Religion und Atheismus

Wenn in der Schreckenszeit heutigen Terrorismus, religiöse Motive nicht völlig auszuschließen sind, wie es politisch-weltanschauliche Ideen nicht im gestrigen Anarchismus waren, muss eine alte Frage neu gestellt werden. Wie hilfreich sind die verschiedenen Religionen für den Umgang der Nationen untereinander überhaupt? Waren sie je hilfreich? Beginnen wir einmal mit unserer Gegend? Im Gau „Hevellon“, herrschten von Spandau bis Havelberg beiderseits der Havel die Heveller. Gleich nebenan, östlich des Nuthestromes wohnten die Spreewanen. Alle slawischen Stämme hatten mehrere Götter. Ihre Religionen waren polytheistisch. Die Askanier eroberten das Land und christianisierten es, mit dem Schwert. Aus den Markgrafen wurden die Kurfürsten. Wittelsbacher folgten, einmal sogar ein Bayer, die Luxemburger mit „Wenzel dem Faulen“, schließlich die Hohenzollern, bei denen sich Joachim II. „Hector“ (1535-1571) erstmals zur Reformation bekannte. Der erste reformierte Preuße war er aber ebenso wenig, wie der erste reformierte Hohenzoller.

Das Geschäft mit der Reformation

Albrecht von Brandenburg-Ansbach  (1490-1568) machte 1525 aus dem Besitz des Deutschherrenordens ein weltliches Herzogtum. Den Rat dafür holte er sich vom Doktor Luther persönlich. Er nahm dessen Glauben an und benannte das reformierte Land nach seinen unterworfenen Ureinwohnern, den Pruzzen, höchst christlich! Die polnische Lehnshoheit blieb noch. Diese wenig erbauliche Geschichte über den „Preußischen Reformationsbeginn beschrieb der Publizist Sebastian Haffner so:

„..Bekanntlich machten auch sonst die Fürsten aus der Reformation vielfach ein Geschäft, bei dem das reine Evangelium als Vorwand für den Raub des Kirchengutes herhalten musste. Bei dem letzten Hochmeister kam hinzu der Verrat, den er an seinem Amt und an denen verübte, die ihn gewählt hatten; er verfiel denn auch dafür der Reichsacht, was ihm aber wenig ausmachte.“

Die Geschichte der Hohenzollern als auch der Reformation nahm ihren, in den ersten Folgen beschriebenen, Lauf. Die katholische Kirche bestand aber auch weiter. Und jene, explizit die römisch-katholischen Schulen gefielen Friedrich II. wenig. Als man anfragt, ob diese abgeschafft werden sollen, schreibt der große König aber:  „Die Religionen Müßen alle Tolleriret werden und Mus der Fiscal nuhr das Auge darauf haben das keine der anderen abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Faßon Selich werden Fr.“

König Friedrich II.

Der ideologische Spruchbeutel

Die überlieferte Äußerung des Alten Fritzen wird heute gern angeführt, ebenso oberflächlich wie jene von Karl Marx, Religion sei Opium fürs Volk. Der auf Marx zurückgehende Atheismus sei Bestandteil der marxistisch-leninistischen Staatsdoktrin. Das führte nach Richard Schröder zur „Entkirchlichung Ostdeutschlands“. Herbert Schnädelbach spricht vom „Staatsatheismus“ des Ostens als eine „Staatsreligion“, die als Fortschrittdoktrin gelehrt wurde. Welche historischen Wurzeln hatte der Atheismus?

Karl Marx

Das Wohlergehen der Menschheit,

garantierte für den französischen Arzt und Philosophen Julien Offray de La Mettrie (1701-1751) einzig der Atheismus, weil nur mit ihm Glaubenskriege verhindert werden. Der englische Staatsmann Herbert von Cherbury (1583-1648) bezeichnete die Religion als einen Priesterbetrug. Sein philosophierender Landsmann Anthony Collins 1676-1729 ging noch weiter. In der Religion herrsche nur Betrug. Der Franzose Claude Adrien Helvétius (1715-1771), auch Philosoph, meinte, der Glaube an Gott sei das Resultat des menschlichen Unvermögens. Er kann als ein geistiger Vater des Atheismus angesehen werden. Die Führer der Französischen Revolution gingen zunächst mit Gewalt gegen die Kirche vor. „Entchristianisierung“ nannten sie das. Aber dann änderte sich das auch wieder und die Revolutionsführer bekannten sich zu einer neuen Frömmigkeit: „Das französische Volk anerkennt die Existenz eines höchsten Wesens und die Unsterblichkeit der Seele.“

Julien Offray de La Mettrie

Religionssynonym Opium

Dass das aus der Mohnpflanze gewonnene Opium eine berauschende Wirkung auf Körper und Geist hatte, begriff die europäische Öffentlichkeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht erst durch den von England geführten Opiumkrieg. Bei Hofe und feineren Kreisen, war der Genuss schon länger bekannt. Der erste, der die Rauschwirkung im übertragenden Sinn benutzte, war der Marquis de Sade (1740-1814). In seinem Roman „Juliette“ spricht die Heldin zum König, dass seine Politik das Volk in Trance fallen lasse:

„….Opium, das du deinem Volk gibst.“

Der Religionskritiker Paul Thiry d`Holbach (1723-1789) hatte ohne die Erwähnung des Mohnextraktes auf die berauschende Wirkung der Religion hingewiesen. Direkter wurde der große deutsche Dichter Heinrich Heine, der Thron und Altar als eine unheilige Allianz bezeichnete: „..jene Missgeburt, die man Staatsreligion nennt, (…) während wir über den Himmel streiten..(und) auf Erden zu Grunde gehen. (…) Heil dieser Erfindung, Heil einer Religion, die dem Leidenden Menschengeschlecht in den bitteren Kelch einige süße, einschläfernde Tropfen geistiges Opium goss, einige Tropfen Liebe, Hoffnung und Glauben.“

Geheimrat J.W. von Goethe meinte in einer Rezension zu publizierten Predigten von F.W. Krummacher, diese seien „narkotisch“. Wir sehen also, dass Karl Marx keineswegs etwas Neues aussprach. Die Politologen müssen nun sehen, wie sie de La Mettrie, Helvétius, de´Sade, Heine und Goethe in die genannte Fortschrittsdoktrin der untergegangen Arbeiter- und Bauernrepublik rückwirkend einfügen können.

Opium, Religion und Branntwein

Der deutsch-jüdische Philosoph Moses Hess setzte 1843 die Rauschwirkung von Opium und Religion noch jener des Branntweins gleich. So hatte zuvor auch Friedrich Engels seinem Freund Karl Marx geschrieben, welcher 1843/44 in der Einleitung seiner Publikation “Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ über die Religion schrieb: „ (…)Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. (…) Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestaktion gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüht einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium d e s Volks. (…)  Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. (…)“

Nur ein guter Christ

Der deutsche Philosoph Ernst Bloch, Verfasser des Buches „Das Prinzip Hoffnung“ erhielt 1967 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er war in den 1950 Jahren Dozent an der Karl-Marx-Universität Leipzig. In seinem Buch „Atheismus im Christentum“ schreibt er: „Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein, gewiss aber auch: Nur ein Christ kann ein guter Atheist sein“. Wie gut Bloch vor über einem halben Jahrhundert ein neues Glaubensverständnis antizipierte, wurde unlängst am Exzellenzcluster Religion und Politik der Universität Münster vorgetragen.

Ist „keine Religion“ die neue Religion?, fragte im Mai 2017 die britische Religionssoziologin Linda Wooshead im Rahmen ihrer Gastprofessur. Sie widmete sich der immer größer werdenden Gruppe der Nicht-Religiösen, den „Nones“, deren Ungebundenheit sie wissenschaftlich zu erfassen versucht. Die Gruppe der „Nones“ wachse derzeit stark, hauptsächlich in christlichen Ländern mit liberalen Demokratien. Der Rest der Welt sei dagegen auch weiterhin eher religiös.

Ernst Bloch

Immediats-Bericht des Königs

So hatte es wohl auch Friedrich der Große gesehen. Weniger aus wissenschaftlichem Interesse  als aus Gleichgültigkeit. Wenn man will, ist in dieser aber auch Toleranz enthalten. Schon am Beginn seiner Regierungszeit kritzelte er 1740 auf den Bericht: „alle Religionen Seindt gleich und guht wan nuhr die leüte so sie profesiren Erliche leüte seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land Pöpliren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen.“

Dass Friedrich im Grunde seines Herzens ein Atheist war, aber alle Gläubigen gelten ließ, lässt sich auch daraus erkennen, dass er den weiter vorne angeführten Julien Offray de La Mettrie, einen bekennenden Atheisten, 1748 nach Sanssouci einlud. Der Arzt kam und wurde Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, zudem Leibarzt und Vorleser des Königs. Er starb 1751 in Potsdam.

 

Quellen:

Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. in: Deutsch-Französische Jahrbücher. Paris 1844

Heine, Heinrich: ..und grüßen Sie mir die Welt. Ein Leben in  Briefen. Hamburg 2005

Schröder, Richard: Abschaffung der Religion. Freiburg 2008

 

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