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Mord an der Heilandskirche

Tim Pieper hat einen neuen Potsdam-Krimi geschrieben

Ausgerechnet an der Heilandskirche, genau „an dem kleinen Strand unterhalb der Sacrower Heilandskirche“, geschieht das tödliche Verbrechen – ein lauschiger Ort, den man als Potsdamer und interessierter Berliner kennt, weil hier an einem kleinen Strandstück in einer Lücke im Schilfgürtel gern die Wassertouristen mit ihren Kanus zu einer erquicklichen Pause  anlegen.

Der Leser folgt den Ermittlungen von Toni Sanftleben, dem Kriminalkommissar der Potsdamer Kripo, im Umfeld des getöteten Hendrik Spohr. Der 20-Jährige – trotz teurer Privatschulausbildung „missratener“ Sohn eines renommierten Architekten mit Arbeiten in der Potsdamer Mitte und Wohnsitz in Groß Glienicke – war wegen Brandstiftung in den Beelitzer Heilstätten verurteilt worden und studierte nach einem freiwilligen sozialen Jahr an der Potsdamer Uni Philosophie und Soziologie. Unterwegs war er mit seinem jüngeren Freund Alexander, dem Sohn der Staatsanwältin Caren Winter, der seit Hendriks Tod verschwunden ist.

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Schritt für Schritt kann der Leser den Ermittlungen von Kommissar Sanftleben folgen, weil er dessen Logik versteht, was durch die gemeinsame Erfahrung des Handlungsraumes und der in ihm agierenden Personen erleichtert wird. Immer wieder ertappt sich der Leser (jedenfalls der im Verbreitungsgebiet des HEVELLERs) dabei, die Wege des Kommissars auf dem Fahrrad oder mit dem klapprigen Peugeot mit zu fahren, sich orientieren zu können und Orte wieder zu erkennen. Erkennbarer Typ auch der Architekt Spohr in seiner Groß Glienicker Villa. Dass dessen spitzfederige Beschreibung fast zu einer Karikatur gerät, sei dem Autor verziehen, denn schließlich ist er nicht schuld am uniformen Gebaren vermeintlich „besser gestellter“ Kasten.

Und genau darum geht es wohl dem Autor, denn Sanftleben ermittelt, dass Hendrik und Alexander nicht unbedeutende Mitglieder einer Gruppe Linksautonomer sind, die, mit dem Rio Reiser-Titel „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ im Hinterkopf, sowohl vermummt auf die Straße gehen als auch in den Ruinen der Beelitzer Heilstätten – einem zweihundert Hektar großen Gelände mit 60 Gebäuden – ein „eigenes Zuhause“ geschaffen hatten, in dem sie vor allem nachts den Zwängen von Elternhaus und erstarrter Gesellschaft entfliehen. „Unsere Endstation Sehnsucht“ sagte Hendrik einmal.

Wie Tom Pieper den Leser derartig ergreifend mitnimmt in die Welt der autonomen Szene, deren verschiedene Subkulturen die Freiräume der Beelitzer Heilstätten wie auch der Kaserne Krampnitz in Besitz genommen haben und sich gegen die schrittweise Kommerzialisierung der „morbiden Pracht“ mit zweifelhafter Geschichte wehren, ist bemerkenswert und für mich der über den Kriminalfall hinausgehende Erkenntnisgewinn. Die „Aussteiger“ zu verurteilen, wäre leichter gewesen, als ihnen offensichtlich kenntnisreiche Aufmerksamkeit zu widmen.

Bei seinen Ermittlungen spürt Toni Sanftleben genau diesen Widerspruch auf, der zum Kriminalfall wird; und spannend über die Aufklärung hinaus wird sein, wie die Leserschaft ihre Sympathien verteilt.

Tim Pieper hat nach dem Kriminalroman „Dunkle Havel“ nun mit „Kalte Havel“ seinen zweiten Potsdam-Krimi mit Kommissar Sanftleben geschrieben. Die parallele persönliche Geschichte des Kommissars, die im ersten Roman begonnen hat, lässt eine weitere Fortsetzung erwarten.

Mal sehen, welches Adjektiv für die Havel dem Autor für die dritte Folge einfällt.

Aber zunächst „Kalte Havel“ lesen – ein Geschenktipp zu Weihnachten.

Rainer Dyk

Tim Pieper, „Kalte Havel“;
emons: Verlag 2016;
Taschenbuch, 253 Seiten, 10,90 Euro;
ISBN: 978-3740800017

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