Die Bienenkönigin aus Uetz-Paaren – Folge 3
1. September 2017
Rezepte aus und für die Region
1. September 2017

„Lodochnik poluchit!“ – „Fährmann hol’ über!“

Besuch aus Sankt Petersburg, Moskau und Petropetrowsk in Uetz-Paaren

Reisebusse halten eher selten in Uetz, vielmehr befinden sich diese auf der Durchreise nach Paretz, um Minuten später das königliche Sommerschloss Friedrich Wilhelm III. und seiner Gemahlin Königin Luise zu besuchen. Am 1. Juni war das jedoch etwas anders. Der Bus hielt am Ortseingang und gutgelaunte Touristen entstiegen dem Großraumfahrzeug. Zielstrebig und mit Fotoapparaten ausgestattet durchquerte man die Uetzer Dorfstraße, fotografierte die alte Dorfkirche, allerlei Blumen und Vorgärten, um schließlich am eingerüsteten Fähr- und Fischerhaus halt zu machen. Die Freude der Touristen über das in weiße Planen verhüllte Einzeldenkmal dürfte manchen Bewohner von Uetz verwundert haben.  Noch ist von der in Restaurierung befindlichen Fassade kaum etwas zu sehen. Grund dafür ist die aufwendige Restaurierung und Wiederherstellung der Erstfassung von 1838/39. Das gesamte Haus war ursprünglich, vom First bis zum Sockel, bemalt. Selbst die Steinfugen wurden idealisiert aufgemalt.

Ankunft der russischen Gäste am Fähr- und Fischerhaus Uetz. Der fachliche Austausch begann an der Fassade. Das Fährhaus war in der Entstehungszeit komplett bemalt. Restauratoren und Denkmalpfleger bezeichnen diese Bemalung als Erstfassung. Fotos: SW (4); HS (1); RB (1)

Die vermeintlichen Touristen entpuppten sich kurze Zeit später als Fachleute für Restaurierung und Denkmalpflege und waren Teilnehmer des Fachseminars: „Die Materialien des  Histolith Programms – die komplexe Lösung für die Wiederherstellung und den Schutz  historischer Gebäude und  Denkmäler der Architektur“.

Die Firmengruppe „Deutsche Amphibolin-Werke Robert Murjahn“ vereint unter ihrem Firmendach  Firmen, die sich weltweit einen Namen  gemacht haben. Caparol, und der Spezialbereich Histolith  gehören ohne Zweifel dazu.  Der Firmenbereich Histolith  betreut, berät und versorgt Handwerksfirmen, Restauratoren, Denkmalpfleger, Architekten mit  Materialien, Arbeitstechniken, Farbkonzepten und Detaillösungen für anspruchsvolle Restaurierungsaufgaben. Dabei stehen traditionelle Identität und fachgerechte Wiederherstellung im Mittelpunkt. Wichtig ist dem Firmenableger von Caparol, die fachliche kompetente Beratung und Begleitung von Restaurierungsprojekten.

Herr Dr. Reinhardt, dolmetscht die Ausführungen der Gastgeber und übersetzt die Fragen der Besucher

Das Fähr- und Fischerhaus in Uetz wird seit einem Jahr durch den Maler und Lackierermeister Ralf Faulhaber  Histolith-fachberatend begleitet.  Die ersten Ergebnisse der engen Zusammenarbeit sind nun am Ostgiebel des Fährhauses für jedermann sichtbar. Den Denkmalpflegern, Restauratoren und Architekten aus Sankt Petersburg, Moskau und Petropetrowsk  geht es um vielschichtige Fragen zur Restaurierung des Hauses. Diese sind so umfangreich, dass Herr Dr. Reinhardt, Simultandolmetscher, an diesem  Tag nicht nur wegen der hohen Außentemperaturen ins Schwitzen gerät. Mit viel Kreativität und Wortwitz meistert er die vielen Fachtermina aus den  verschiedensten Restaurierungsdisziplinen. Er beantwortet und  erklärt Fragen und Sichtweisen, die mit der Restaurierungsaufgabe einhergehen. Die Eigentümer und „Macher“ des Fährhausprojektes, Sabine Swientek und Henry Sawade berichten aus erster Hand, welche Herausforderungen bereits gemeistert wurden, wie die Untere Denkmalbehörde der Landeshauptstadt Potsdam  das Projekt immer wieder unterstützt, fördert und begleitet. Die Denkmalpfleger bekommen durch die Eigentümer hier eine gute Arbeit bescheinigt.

Werkstattgespräche und Begutachtung von Restaurierungsergebnissen im Haus

Doch auch Schwierigkeiten bezüglich der Ansichten, Arbeitsweisen und Vorstellungen anderer Fachbehörden der Landeshauptstadt wird offen an- und ausgesprochen. Dabei geht es um die Einordnung des Einzeldenkmals im Kontext des Ortsbildes, es geht um Sichtachsenbeziehungen und historische Funktionsbezüge der umgebenden Landschaft, die nach  200 Jahren  nur noch zu erahnen ist. Wie viel Naturschutz in den letzten fünf  Jahren durch Müllsammelaktionen in  Eigeninitiative der Eigentümer stattfinden musste, ist genauso Thema wie der Erhalt und der Versuch der Schutzstellung von Bäumen oder Innenwandfassungen, Friesen oder Fußbodendielen. Die Besucher nahmen sich viel Zeit an diesem Vormittag und trotz der Sprachbarrieren konnte man gut erkennen, welche Fachgebiete der Einzelne in seiner Heimat besetzt. Die aufwendigen Innenfassungen, Maserierungen und Arbeitstechniken wurden begutachtet und der fachliche Austausch funktionierte auch ohne große Worte. Die Farben und Lasuren des Caparolfirmenbereichs   Histolith wurden auf Probekörpern und an bereits fertig gestellten Flächen genau unter die Lupe genommen. Das Urteil der Fachleute fiel positiv aus. Der Aufwand und die Geduld der Eigentümer bei der Restaurierung und Rekonstruktion des ursprünglichen Erscheinungsbildes werden sich langfristig auszahlen. Dabei ist die richtige Technik und Materialauswahl von entscheidender Bedeutung.

Deckenrosette in der ehemaligen „Guten Stube“ des Fährmann. Die Bemalung wurde 2017 fertig gestellt

Als Dank der Gäste für die entgegengebrachte  Gastfreundschaft wurden die Eigentümer des Fähr- und Fischerhauses nach Sankt Petersburg eingeladen. Die Stadt an der Newa Mündung ist die viertgrößte Stadt Europas. Die historische Innenstadt mit 2.300 Palästen, Prunkbauten und Schlössern ist Weltkulturerbe der UNESCO. In dieser Hinsicht wird St. Petersburg weltweit nur noch von Venedig übertroffen. Der geschichtliche Bezug zum Fährhaus in Uetz führt über Friedrich Wilhelm III., der das Haus und die Scheune um 1838/39 durch den Architekten Ludwig Persius errichten ließ. Die Heirat zwischen Friedrich Wilhelms ältester Tochter Charlotte und dem russischen Großfürsten Nicolaus, Bruder und Nachfolger des Zaren Alexander, festigten die Familienbeziehungen der Häuser.  Charlotte ging als  Alexandra Fjodorowna Kaiserin von Russland in die Geschichte ein. Die Erbauungszeit und der gestalterische Duktus des Hauses lassen Spielraum  für eine gewisse  Ambivalenz zu. In der Architekturgeschichte wird oftmals von einem Schweizer Stil gesprochen. Das Architekturensemble lässt aber auch russische Experten ein wenig an ihre Heimat denken.

Rekonstruktion der Deckenbemalung im sogenannten Altenteil des Fähr- und Fischerhauses durch Herrn Henry Sawade. Wiederherstellung der Mittelrosette an Hand der bei Fassungsuntersuchungen gefundenen Originalfragmente.

Nach dem Besuch des einstmals stillsten Ortes im gesamten Havelland, machte sich der Reisebus nicht wie erwartet in Richtung Paretz auf den Weg. Weiter ging es in den Neuen Garten von Potsdam. Hier steht die nächste große Rüstung am Schloss Cecilienhof. Ob die Begeisterung für diese Restaurierungsbaustelle ähnlich ausfiel, bleibt nur zu vermuten.

S.W.

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