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Im Kajak von Neu Fahrland nach Danzig

Im  Jahr 2016 reizte den 64-jährigen Neu Fahrländer Burkhard Rülicke eine Paddeltour nach Danzig. Am heimatlichen Krampnitzsee in Neufahrland paddelte er los, über den Wannsee, die Spandauer Schleuse, die Oder-Havel-Wasserstraße, vorbei an Oranienburg bis zur Oder. Strom abwärts der Oder weiter nach Stettin, dann über das Stettiner Haff zur Insel Usedom. Von Usedom über das Haff zur Stadt Wollin und bis zur letzten Binnenwasserstation nach Dziwnow, dem polnischen Übergang in die Ostsee. Schließlich auf den Wellen der Ostsee entlang der Küste bis Halbinsel Hela, dem östlichsten Zipfel der polnischen Ostseeküste. Zuletzt überquerte der Neu Fahrländer die Danziger Bucht und erreichte Danzig nach 16 Tagen und etwa 850 Paddelkilometern.

Wir veröffentlichen seinen Reisebericht in loser Folge. HEUTE: Die Schlussetappe von Rügenwalde (Darlowo) nach Danzig.

Die Küstenlandschaft wurde immer reizvoller je weiter ich nach Osten schaufelte. Die Strände breiter, einsamer,  die Dünen, in denen Kinder unbeschwert spielen, immer höher.

Ab Rowy wird es richtig schön. Hier beginnt der Nationalpark Polnische Sahara mit einer Küstenlänge von etwa 70 km. Noch nie habe ich auf der nördlichen Halbkugel so schöne Strände gesehen. Die Sanddünen sind bis 50 Meter hoch. Siebzig Kilometer gegen den Wind paddeln schaffe ich nicht an einem Tag, so muss ich mitten im Nationalpark mein Zelt aufbauen. Das ist natürlich verboten… Bald kam auch eine Patrouille Naturschutz-Ranger mit einem Geländewagen. Ich begann schon zusammenzurechnen, was mich das kosten wird.

„Oh, Sie sind mit dem Kajak hier. Wo sind sie losgefahren?“  „In Deutschland? Oh, das ist weit. Mit diesem Boot?“ Kopfschütteln. „Sie dürfen hier nicht zelten“, sagte ein anderer. „Natürlich, aber ich …“ Er unterbrach mich. „Schon okay. Sie müssen hier eine Nacht bleiben, der Weg ist zu weit. Wo wollen Sie hin? Danzig? Viel Glück und gute Weiterfahrt. Und lassen Sie hier nichts liegen.“

In Deutschland wäre das Gespräch anders verlaufen und dessen Ende hätte ein EURO-Zeichen gehabt. Ich beginne ein richtiger Polenfan zu werden.

Auch nach dem Nationalpark bleibt die Küste einmalig schön mit breitem Strand, hohen Dünen, Kiefern und ohne Begrenzungen durch Drähte oder Schilder, fast Menschenleer.

Die Danziger Bucht in Sicht

Das Hafenstädtchen Hel ist östliches Ende der polnischen Ostseeküste und nördlichste Landbegrenzung der Danziger Bucht. Die Luftlinie von Hel über die Bucht misst bis Danzig etwa 30 km. Mit Abtrift bei ungünstigem Wind gerechnet, könnten es 35 oder mehr Paddelkilometer werden – es wurde mehr. Burkhard Rüöicke zögert, ob er den direkten Weg wagen sollte. Er wagt ihn. Zum großen Teil der Paddelzeit war keine Küste mehr zu sehen. Vor unserem Paddler noch nicht, hinter ihm nicht mehr und östlich und westlich sowieso nicht. Die Wellen gingen hoch, fast zu hoch. In der Mitte der Bucht tauchen vier Kriegsschiffe auf. Die Dieselfahnen wirkten wie schwarzer Rauch von Dampfschiffen. Sie fuhren also sehr schnell und änderten ständig die Richtung. Rülicke ändert sicherheitshalber seinen Kurs auch, mehr in Richtung Südwest, weg vom Manövergebiet, da muss irgendwo Gdingen liegen. Bald tauchten Striche am Horizont auf, sicher sind es hohe Schornsteine, dann Häuser, dann erkannte der Neu Fahrländer Hafenanlagen, vermutlich die von Gdingen. Er würde es also schaffen. Von Gdingen bis Danzig sind es nun auch noch mal wenigstens 20 Kilometer.

Nicht aufgeben dachte ich, die schaffe ich auch noch. Manchmal wird Wille zum Starrsinn und stärker als die Vernunft. Zur Danziger Innenstadt musste ich durch den Hafen. Der ist riesig und sehr stark befahren. Ich wusste bald nicht mehr wohin ich steuern sollte, es wurde dunkel, ich hatte keine Beleuchtung, ich war nach zwölf Stunden Paddeln fertig. Gewaltige Bugsierschiffe schoben einen Riesen aus Taiwan quer zu mir, ein Hochseefrachter kam mir entgegen. Ich hatte in dieser Situation wirklich keine guten Gefühle für meine nahe Zukunft.

Ein Schiff der Hafenpolizei kam auf mich zu. Mit beiden Armen heftig winkend, hatte ich auf mich aufmerksam gemacht. Scharf wurde ich auf Polnisch angesprochen. Ich antwortete erst deutsch dann englisch. „Wo willst Du hin? Zu einer Marina? Wo kommst Du her? Von Hel, mit diesem Boot über das Haff? Das ist in Polen verboten. Und der Hafen hier ist für dich auch verboten“. Die Polizisten berieten sich und schalteten Blaulicht ein. „Bleib dicht längs zu uns, wir bringen Dich hier raus“. Ohne Strafmandat, keine weiteren Belehrungen nur, „gute Fahrt und schönen Aufenthalt in Danzig“, so endete die Polizeiaktion. 

 

Das mittelalterliche Krantor, Wahrzeichen der Stadt direkt vor mir. Es war nach Mitternacht. Musik klang von den umliegenden Kneipen, unzählige Menschen flanierten an den Kais. Wo übernachten? Ich saß im Neoprenanzug immer noch im Kajak, nass vom Schweiß und frierend, kaum fähig die Augen offen zu halten. Die Uferpromenaden voller Menschen. Der Yachthafen war nicht für Paddelboote gedacht, der Hafenkapitän nicht auffindbar. Neben dem Yachthafen, sah ich ein vollständig eingerüstetes Haus. An der Fassade war noch die blätterige Aufschrift Kanuclub erkennbar.

Dort legte ich an, klopfte an ein kleines erleuchtetes Fenster. Ein junger Mann, zunächst erschrocken, dann entrüstet über meine mitternächtliche Frage nach einem Nachtlager, lehnte brüsk ab. „Ich habe keine Übernachtung für dich“. Er öffnete aber doch die Tür, trat heraus. „Ist das dein Boot?“, „Ja“. „Wo kommst du her? Von Deutschland, von Berlin, mit diesem Boot, die ganze Strecke?“ „Ja, heute von Hel“. „Zieh das Boot auf den Ponton, ich habe für dich ein Zimmer und wenn du willst auch ein Bier“. Ich war am Ziel – nach 16 Tagen…

Zwei Tage später kam meine Frau Angelika. Wir blieben noch einige Tage. Die Rückfahrt nach Neu Fahrland, das Kajak auf dem Autodach verzurrt, dauerte gerade mal acht oder neun Stunden.

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