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„Gute Politik funktioniert nur miteinander“

Am 24. September hat Dr. Manja Schüle (41) im Brandenburger Wahlkreis 61 (Potsdam – Potsdam Mittelmark – Teltow-Fläming II) das Direktmandat für die SPD gewonnen und zieht damit als einzige Direktkandidatin der Sozialdemokraten aus den zehn Wahlkreisen Brandenburgs in den Bundestag ein.

Der HEVELLER sprach mit ihr, um zu erfahren, was ihr Wahlsieg für die Bürgerinnen und Bürger in der Region nun bedeutet.

HEVELLER: Frau Schüle, Sie wurden mit 26,1 Prozent der Erststimmen direkt in den Bundestag gewählt und setzten sich gegen die CDU-Kandidatin, Saskia Ludwig, durch, die 24,9 Prozent der Erststimmen erhielt. Was bedeutet dieser Sieg für Sie, und was nehmen Sie sich als erstes vor?

Schüle: Meinen Wahlkreis in Berlin direkt vertreten zu dürfen, ist die höchste Auszeichnung in einer Demokratie und für mich gleichermaßen Verpflichtung, mein Bestes zu geben und das in mich gesetzte Vertrauen auch zu rechtfertigen. An dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön auch an alle Heveller-Leserinnen und Leser, die mich gewählt haben. Die ersten Aufgaben sind schnell erzählt: ich möchte schnell meine Büros beziehen, Kolleginnen und Kollegen einstellen und anfangen, zu arbeiten. Ich möchte für die Menschen im Wahlkreis gut erreichbar sein. Ich plane Bürgersprechstunden, Vor-Ort-Termine und ein mobiles Bürgerbüro. Mit ihm möchte ich regelmäßig in die Stadt- und Ortsteile der Region kommen und  ansprechbar sein. Ich möchte eine Abgeordnete sein, die ihren Wahlkreis 61 vertritt und nicht eine Abgeordnete, die nur aus dem Wahlkreis 61 kommt. Deshalb sind mir auch die Belange der Menschen wichtig und die kann ich nur vertreten, wenn ich sie auch kenne. Ich möchte beraten und muss auch beraten werden. Nur, wer auf die Menschen zugeht, erfährt etwas von ihnen und verhindert bei den Menschen Politikverdrossenheit, Protestwähler, Frustration und Abwendung.

Ein besonderer Tag für Schüle: Der Bundestag tritt zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Ein Tag, den sie mit ihrer Vorgängerin, Andrea Wicklein, erleben darf.

HEVELLER: Sie erhielten deutlich mehr Erststimmen als die SPD Zweitstimmen in Ihrem Wahlkreis. Wie gehen Sie damit um?

Schüle: Wir haben unser historisch schlechtestes Wahlergebnis erhalten. Das hat die Freude über mein Direktmandat sehr getrübt. Ich stecke aber nicht den Kopf in den Sand, sondern bin in den sechs Wochen seit der Bundestagswahl weiterhin viel im Wahlkreis unterwegs, frage nach, rede mit den Menschen statt über sie. Politik für die Menschen machen, da sein, zuhören – so habe ich 21 Jahre ehrenamtlich Politik gemacht, so bin ich in den Wahlkampf gegangen. Ich stehe für das Gemeinsame und das Miteinander in unserem Land, mit klarer Haltung aber auch fair in den notwendigen Auseinandersetzungen. Es waren diese Momente wie mit Heinz, 75 Jahre, seit 27 Jahren Nichtwähler, der mir nach einem Tag bei der Potsdamer Tafel sagt: „Schüle, du hast das Herz am richtigen Fleck, hörst zu aber sprichst mir nicht nach dem Mund. Ich werde wählen gehen.“, die mir gezeigt haben, ich bin auf dem richtigen Weg.

HEVELLER: Was bedeutet es nun für die Bürgerinnen und Bürger der Region, dass Sie sie im Bundestag vertreten? Welche Themen sind für Sie die wesentlichen, die Sie aus der Region in den Bundestag mitnehmen?

Schüle: Ich stehe für ein Bildungskitaqualitätsgesetz, sichere und anständig bezahlte Arbeit, ein Altern in Würde und eine starke Gründerkultur 2030 in unserer Region. Diese Themen werde ich auch weiterhin bearbeiten. Als Oppositionspolitikerin, als Mutter, als gut Vernetzte in der Kommunal- und Landespolitik.

HEVELLER: Ist das Einbringen von Ideen in der Opposition schwieriger?

Schüle: Sicherlich ist es vor allem schwieriger, aus Ideen auch Fakten zu schaffen, wenn man in der Opposition ist. Dennoch ist es wichtig, Sprachrohr der Menschen im Wahlkreis zu sein. Wir werden uns für die Themen, die den Menschen auf den Nägeln brennen, beharrlich einbringen, um sie auch aus der Opposition heraus immer wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Und wir werden natürlich auch in der Opposition Lösungsvorschläge für diese Fragen erarbeiten. Ich habe vor kurzem an verschiedenen Orten im Wahlkreis Dialogkarten verteilt, auf denen die Bürger ihre drängendsten Fragen und Anforderungen an die Politik aufschreiben und die sie an mich zurückschicken können. Dieses konkrete Dialogangebot werden wir fortsetzen.

Wer Politik machen möchte, muss vernetzt denken. Man kann kein Politikfeld isoliert betrachten, wenn man erfolgreich und nachhaltig Politik machen will. Wer die Wirtschaft unterstützen will, muss auch für bezahlbaren Wohnraum für gut ausgebildetes Personal sorgen, muss sich auch um Kita- und Schulplätze sowie deren Qualität kümmern, muss parallel für den Ausbau der Verkehrswege und die Erweiterung des ÖPNV-Angebots Sorge tragen. Alles greift ineinander und bedingt sich gegenseitig. Wer mit Scheuklappen Politik macht, wird scheitern.

HEVELLER: Die SPD gilt als Partei der Arbeiterschicht. Was gibt es in der Region auf dem Arbeitsmarkt für Sie zu tun, und welche Rolle spielen dabei die Interessen der Unternehmen für Sie?

Schüle: Wenn wir über Themen wie den Braunkohleausstieg, den digitalen Wandel, soziale Sicherheit, Bildung und viele andere sprechen und immer nur für die Gegenwart Politik machen, werden wir unserer Verantwortung, die Zukunft zu gestalten, nicht gerecht. Ein Beispiel: In unserer Region haben wir bundesweit mit die höchste Dichte an Spitzenforschungseinrichtungen. Das ist ein Pfund, mit dem wir arbeiten und das wir weiterentwickeln müssen, zum Beispiel über gezielte und vor allem längerfristige Förderprogramme zur Unterstützung von Startup-Unternehmen, die aus der Wissenschaftslandschaft heraus gegründet werden. Das sind die künftigen guten Arbeitgeber der Region. Erfolgreiche Unternehmen sind eine Grundvoraussetzung für eine prosperierende Region, wachsenden Wohlstand, an dem möglichst viele teilhaben sollen. Deshalb ist es wichtig, sich mit den Unternehmerinnen und Unternehmern vor Ort regelmäßig auszutauschen, was mir sehr am Herzen liegt.

Wir werden den Herausforderungen der Zukunft nicht gerecht, wenn wir nur versuchen, die Gegenwart zu konservieren. Die soziale Sicherheit der Menschen muss dabei immer im Mittelpunkt stehen. Dass der Markt eben nicht alles regelt, das haben wir zu oft erlebt. Wir brauchen einen starken Staat, dem die Menschen vertrauen. Einen Staat, der in Bildung, Wohnen, ÖPNV  investiert und der vor allem die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest macht – z.B. Gesundheit, Pflege, Rente.

sts

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