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Gedanken zum Monatsspruch Januar 2018

Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter und dein Sklave und deine Sklavin und dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh und dein Fremder in deinen Toren.“ (Dtn 5,14)

„Gott sei Dank! Bei all dem Stress hatten wir wenigstens am 3. Advent mal Zeit, shoppen zu gehen, die Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Gott sei Dank gibt es den Verkaufsoffenen Sonntag. Bloß blöd, dass an Heilig Abend nicht mehr offen war. Gott sei Dank gab es ja die Tanke! Und bloß gut, dass der Klempner noch schnell gekommen ist, sonst hätten wir mit der Hand abwaschen müssen.“

Oder: „Ich würde ja gerne heute zur Kirche kommen, aber es ist noch so viel zu tun, ich muss den Sonntag durcharbeiten. Wenn ich doch hingehe, muss ich aber sofort danach los. Und dann müssen auch die Hausaufgaben der Kinder fertig werden, Latein, Englisch, Mathe, und der Aufsatz für Religion.“

Kommt Ihnen das bekannt vor? Hand auf’s Herz, an wie vielen Sonntagen und Feiertagen gab es diese oder ähnliche Gründe, nicht in die Kirche zu gehen, nicht Zeit mit der Familie zu verbringen, vielleicht sogar mit guten Gründen am Sonntag zu arbeiten? Vermutlich müssen die meisten von uns lügen, wenn wir sagen würden, dass uns das nicht betrifft (auch wenn wir am 3. Advent nicht shoppen waren).

Nun hätten wir gar nicht so schlechte Argumente, um das nicht so streng zu sehen. Wir könnten uns immerhin auf Paulus berufen: Dem strikten Sabbatgebot stand er kritisch gegenüber [zB. Gal 4,9]. Sich am Gesetz entlang zu hangeln, war für ihn ein Rückfall in die Knechtschaft, die Sklaverei, von der er sich durch das Evangelium gelöst fand. Im Römerbrief hat er es freigestellt, ob man nun den Feiertag einhält oder nicht – „Jeder aber sei in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt.“ (Röm 14, 5) Außerdem, das Sabbatgebot gilt ja streng genommen nur für das Volk Israel, nicht für alle Menschen.

Also – kein schlechtes Gewissen, wenn es mit der Kirche mal doch nicht klappt? Wohl ja. Sich innerlich zu martern, weil man das „rituelle Gesetz“ nicht eingehalten hat, sonntags um 10.30 Uhr in der Kirchenbank zu sitzen, ist sicher kein guter Weg.

Also – egal, ich brauche nicht in die Kirche? Sonntag muss ja nicht frei sein? Nein. Das dann auch nicht. Der Sonntagsgottesdienst war zwar ursprünglich nicht Teil des Sabbats, aber der Sonntag wurde nicht umsonst vor 1.700 Jahren zum christlichen Feiertag. Dass die Menschen einen Tag zum Durchatmen, Luft holen, sich innerlich Sortieren brauchen, leuchtet ein. Und der Bezug zum Sabbat ist eben da, wenn auch einen Tag verschoben: „Es ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes.“ (Dtn. 5, 13) Nun sagt Jesus im Evangelium: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht.“ (Mk 2, 27) Aber deshalb ist der Sabbat nicht der Beliebigkeit preisgegeben, im Gegenteil.

Warum aber der Sabbat, der Ruhetag, gemacht und zu beachten ist, ist schon in der Bibel vielschichtig:

In der großen Rede im Ostjordanland, deren Teil der Monatsspruch ist, redet ein Mensch. Moses erinnert die Israeliten an die Gebote und an die 40 Jahre zurückliegenden Ereignisse am Sinai, die Gabe der Zehn Worte. Als Grund für den Sabbat nennt Moses die Befreiung aus der Knechtschaft: „Gedenke, dass du Sklave warst im Land Ägypten und dass dich der HERR, dein Gott, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt hat. Darum hat es dir der HERR, dein Gott, geboten, den Sabbat zu begehen.“ Hier geht es um das Gedenken an die Befreiung. Es geht um Dank dafür, dass Gott den Menschen befreit hat. Gott ist den Menschen übergeordnet.

In der ersten Geschichte der „Zehn Worte“, im Buch Exodus, nennt Gott einen ganz anderen Grund: „Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.“ (Ex. 20, 11). Hier geht es um das Gedenken der Schöpfung und der Ruhe Gottes. Gott und Mensch werden in eine parallele Beziehung gesetzt. Der Mensch als Ebenbild Gottes soll den Sabbat heiligen, so wie Gott ihn geheiligt hat.

Die eine, ethische Begründung stammt vom Menschen, stellt auf den Menschen ab, richtet sich aber nur an einen kleinen Teil, an das Volk Israel und seine Erfahrungsgeschichte. Die andere, rituelle Begründung stellt auf Gott ab, bezieht sich aber auf die Schöpfung, also letztlich auf alle Menschen.

Was gilt also? Eine Antwort finden wir an einer anderen Stelle, kurz nach der ersten Geschichte der Zehn Gebote, wo es um das Heiligtum geht: „Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, dass ich unter ihnen wohne.“ (Ex. 25, 8) Hier wird deutlich, dass es das eine ohne das andere nicht gibt. Gott nicht ohne Menschen, Menschen nicht ohne Gott, Zwischenmenschliches nicht ohne Gott. Das Heiligtum soll mitten unter den Menschen sein, buchstäblich wie die Kirche im Dorf in Groß Glienicke. Es geht nicht darum, dass Gott an einen Ort gebunden, eingesperrt ist. Das ist er weder im Neuen noch im Alten Testament, und das ist er auch nicht heute, hier in Groß Glienicke. Es geht darum, dass wir Gott einen Ort in unserer Mitte einräumen, physisch wie innerlich.

Und das ist dann vielleicht der Vorsatz für das neue Jahr: Gott den Platz in der Mitte einzuräumen, damit er mitten unter uns ist. Und damit wird auch klar, dass die frohe Botschaft, das Evangelium, kein Iota vom Gesetz nimmt, dass wir als Menschen aber zugleich frei sind, mit Gott und unseren Mitmenschen.

Und der Feiertag, sei es der Sabbat des Volkes Israel oder der Sonntag in unserer Kirche, ist eine besondere Zeit, Gott und den Mitmenschen Raum zu geben, um Gottes willen und um des Menschen willen.

Und es geht nicht nur um uns selbst: Es geht eben um Kinder, Arbeitstiere, Abhängige, sogar die Fremde. Den Klempnernotdienst, der vielleicht doch nicht so nötig ist, unsere Mitarbeiterin, die noch dringend die Rechnungen fertig machen soll, die Kinder, die noch Englisch üben müssen … Sie alle sollen ruhen, Ruhe finden. Moses hat kurz vor dem Einzug in das Gelobte Land eben nicht nur einen Ruhetag versprochen, sondern Gleichheit am Ruhetag: „Auf dass dein Knecht und deine Magd ruhen gleichwie du.“ Der Teil wurde leider im Monatsspruch weggelassen, dabei ist er besonders wichtig: So unterschiedlich unser Schicksal ist, am Ruhetag sind wir alle gleich und erst recht dürfen wir nicht andere ohne Not für uns arbeiten lassen.

In diesem Sinne der Wunsch für 2018: Zeit für Kirche, Zeit für Gott, Zeit für unsere Mitmenschen, gleich zu gleich.

Herzlich willkommen im Neuen Jahr in der Dorfkirche Groß Glienicke!

Ihr Moritz Gröning

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