Potsdams ländlichen Raum angepriesen
3. Februar 2016
Neues Jahr, neues Heft
3. Februar 2016

Ein Haus als Erinnerungsort

Wenn die Havel von Norden kommend, den Tiefen See und den Templiner See und damit das Stadtgebiet von Potsdam wieder verlässt, eröffnet sich die weite Fläche des Schwielowsees und an seinem Ufer liegen Caputh, Ferch, Geltow und Petzow, jedes ein Idyll für sich und ideales Ausflugsziel, wie der Urlaubsprospekt verspricht. Aber es soll nicht um die Lobpreisung von Landschaft oder die Gastlichkeit von Hotels gehen, sondern um erinnerte Landschaft, um erinnerte Begegnungen, um etwas Vergangenes, das einigen Menschen noch etwas bedeutet. Wir zoomen auf den Ort Petzow und dort noch genauer auf ein Haus, das eine über neunzigjährige Geschichte hat und in der 35 Jahre lang Schriftsteller, Künstler, Intellektuelle schrieben, redeten, diskutierten, auch stritten, das Schriftstellerheim „Friedrich Wolf“.

Ein Haus als Erinnerungsort

Ein Lebensort. Ein Arbeitsort. Heute ein Erinnerungsort? – Er ist nicht mehr real betretbar, nicht mehr erreichbar, weil „privat“. Kein „Erinnerungsort“ mehr – sondern eine „besonders eindrucksvolle Inszenierung“; eine „smaragdene Fläche wellt sich dort sanft von einer 20er-Jahre-Villa hinab zum Wasser; Baumriesen, teilweise von Ramblerrosen umgarnt, zeichnen Schattenmuster auf den Rasen. Den Weg zum Badehaus deuten verstreute Eibenkugeln an, am Bootsanleger ist ein Boesch aus den Sixties vertäut. Vor der Orangerie an der rechten Grundstücksgrenze eine Streuobstwiese, die schlanken Stämme hat jemand mit Lavendel und rosa überhauchten Aspirinrosen umpflanzt“. So beschrieb Bettina Schneuer 2013 in einem Beitrag für Architectural digest das Anwesen Schwielowsee 87-93.

Letztlich war die Ausblendung der Geschichte dieses Hauses von 1955 bis 1990 der Ansporn für ein Projekt zum Schriftstellerheim „Friedrich Wolf“, das zu einem Buch geworden ist, an dem neben dem Karikaturisten Harald Kretzschmar und den Literaturwissenschaftlerinnen Christel Hartinger und Marianne Schmidt mit ihren eigenen Erfahrungen als Bewohnerinnen des Schriftstellerheims auch Burkhard Raue und Margrid Bircken mitarbeiteten: „Petzow. Villa der Worte. Das Schriftstellerheim in Erinnerungen und Gedichten“.
So wichtig und richtig es ist, an die von den Nazis enteignete und aus dem Lande getriebene Familie Berglas zu erinnern, denen das Haus von 1933 bis 1939 gehörte, so richtig und wichtig ist auch die Erinnerung an die Nutzung des Hauses durch Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Dass das Schriftstellerheim gesamtdeutsch geöffnet war, belegen die frühen Besuche von Leonhard Frank mit seiner Frau Charlott im Juli 1957. Gerhard Wolf hat für einen Band eine Chronik der Literaturbeziehungen von sich und Christa Wolf zusammengestellt: „Im Heim des Schriftstellerverbandes in Petzow trafen wir u.a. Leonhard Frank, Hans Henny Jahnn, der in der DDR Orgeln reparierte und baute, u.a. die im Großen Sendesaal des Rundfunks in der Nalepastraße, Arnolt Bronnen (noch vor seiner Übersiedlung in die DDR) – Fred und Maxie Wander (ebenfalls vor ihrer Übersiedlung). Es gab dort Tagungen des DSV mit westdeutschen Autoren. Ich erinnere mich an Peter Hamm und Elisabeth Borchers, während Bobrowski damals erste Prosa vorlas. Gerd Semmer brachte seine Songs (gesungen von Dieter Süverkrüp), Gerd Ledig kam aus München[…].“
Der Schriftstellerverband war von 1955 an Pächter; Eigentümer war seit August 1947 die Garantie- und Kreditbank, die das Haus für mehr als 400 000 Mark von Leonora Solm kaufte, der das Haus von 1939 bis 1947 gehört hatte. Warum das herausgehoben werden soll? Weil das Haus am Schwielowsee 87-93 eben nicht vom „Staat“ annektiert wurde. Auch das Vorurteil, im Schriftstellerheim hätten Privilegierte gewohnt, wird von denen, die in den verschiedenen Jahrzehnten dort zu Gast waren, je nach Temperament und momentaner Lage mit Lachen oder Wut beantwortet, auf jeden Fall würde bejaht werden, dass sie genauso privilegiert waren wie die übrige DDR-Bevölkerung, insofern sie eine Art Grundeinkommen hatten, eine Tatsache, über die aktuell lang und breit diskutiert wird, was aber heute als Realität in weite Ferne gerückt ist. 1990 endete die Geschichte des Schriftstellerheims „Friedrich Wolf“.

Boot_Steg-cWie der letzte Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR Rainer Kirsch in einem Gespräch über das “Das Haus am See“ (rbb 2005) mitteilte, wurde der Schriftstellerverband darüber informiert, dass mit dem Einigungsvertrag auch das Schriftstellerheim in Petzow jetzt der Treuhandanstalt unterstellt sei und damit ihre Nutzung zum 31.12.1990 beendet sei. Was in der überregionalen Öffentlichkeit nun im Umlauf ist über das Schriftstellerheim, kann vielleicht auch an dem schon erwähnten Beitrag von Bettina Schneuer abgelesen werden. Die 35-jährige Nutzung in der DDR wird eingedampft auf drei Sätze: „13 Zimmer mit Etagenbad für Autoren wie Arnold Zweig, Maxie Wander oder Christa Wolf. Die Stasi ist stets dabei: ‘Hinter der Täfelung der Weinstube im Keller fanden wir armdicke Leitungen und Abhörvorrichtungen‘, erinnert sich Zehle. Nach der Wende übernahm die Treuhand […].“ Bei den Recherchen zu einem Ausstellungsprojekt über das Schriftstellerheim („VEB Elfenbeinturm“ – noch bis 7.Februar in der Kirche Petzow, Sa., So. von 13 bis 17 Uhr ) hat Dr. Maria Brosig wenig Material gefunden für die These von der ständig präsenten Stasi, dafür viele Belege, dass es im Schriftstellerheim oft genug an manchem mangelte, z.B. an Rudern für die beiden Ruderboote und dass es hier keine Sonderausstattungen mit Farbfernsehern oder ähnlichem gab. Das hört sich wenig nach Privilegien an. Was sich hier in den unterschiedlichen „Vermessungspunkten“ für einen Ort widerspiegelt, ist ein Gedächtnisdiskurs, der von den Erinnerungen der Schriftsteller weit entfernt ist, selbst von denen, die „Petzow“ oder „Schwielowsee“ nicht als besonderen Schreibort und Refugium in Erinnerung behalten haben. Aus der Gedächtnisforschung wissen wir, dass jedes Gedächtnis perspektivisch und parteiisch ist durch seine Standpunktebezogenheit, und damit wesentlich durch das bestimmt wird, was ausgeschlossen und vergessen wird. (Vgl. Aleida Assmann: Gedächtnis als Leitbegriff der Kulturwissenschaften, 2002) Wichtig für das Anliegen der Anthologie ist die mit der Gedächtnisforschung geschärfte Sicht auf die Beobachtung, dass unterschiedliche soziale Gruppen verschiedene kollektive Gedächtnisse haben, die „durch Kommunikation und Interaktion eine kulturelle Form“ bekommen müssen, um sie auch an folgende Generationen weitergeben zu können. Für diesen Transformationsprozess von individueller Erinnerung spielen auch „Orte“ eine zentrale Rolle. Aber:„Ein Ort […] hält Erinnerungen nur dann fest, wenn Menschen auch Sorge dafür tragen. Auf ein Gedächtnis der Orte ist […] ohne flankierende Maßnahmen wenig Verlaß.“ (A. Assmann, Das Gedächtnis der Orte, 1999). Allen Schwierigkeiten zum Trotz oder gerade deswegen sind solche Projekte wie das über das Schriftstellerheim Petzow von zentraler Bedeutung, weil sie helfen können, die „Gedächtnislandschaft“ von Gruppen zu bewahren. Was sich vielleicht so anhörte, als sei das Buch „Petzow. Villa der Worte“ quasi eine wissenschaftliche Studie, wird durch die Gestaltung des Buches und den Untertitel schon auf die richtige Fährte gelockt. Hier liegt eine Anthologie vor mit Geschichten, Gedichten, Erinnerungen. Der Band ist erschienen im Verlag Berlin-Brandenburg, hervorragend betreut von Inhaber André Förster und seiner Mannschaft des Verlags, mit Karikaturen des Zeichners und Schriftstellers Harald Kretzschmar versehen und mit Auszügen aus dem ersten Gästebuch, in das sich die junge Christa Wolf, Erwin und Hannelore Geschonneck, Ludwig Renn und Arnold Zweig eingetragen haben sowie mit zeitgenössischen Bildern von Haus, Garten und See und seinen zeitweiligen Bewohnern ausgestattet.

 

Ein Drittel der hier zusammengetragenen Texte sind extra für diesen Band entstanden unter dem Motto: Erinnerung sichern!Was Fred und Maxie Wander an diesem schönen Ort erlebt haben, kann man nun in Auszügen nachlesen, zitiert aus der Autobiographie von Fred Wander und in zwei unveröffentlichten Briefen von Maxie Wander, die die Rechteinhaberin Susanne Wander aus Wien zur Verfügung gestellt hat. Neben ihnen stehen Erinnerungen von Autoren wie Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann, Günther Grass und Günter de Bruyn, Renate Holland-Moritz und Kerstin Hensel. Es ist eine Sammlung von ehemals im Schriftstellerheim geschriebenen Texten, die dem literaturträchtigen Ort gewidmet sind wie die Gedichte von Jens Gerlach und Sarah und Rainer Kirsch oder die sich an andere Dichterkollegen erinnern, wie an den von vielen verehrten Mentor und Dichter Georg Maurer, von dem die Gedichte von Adel Karasholi oder Peter Gosse sprechen.

Erinnerungen an ein Haus am SeeEin Drittel der hier zusammengetragenen Texte sind extra für diesen Band entstanden unter dem Motto: Erinnerung sichern! Dafür haben geschrieben Gisela Steineckert „Heimweh und Erinnerung“, Klaus Walther “Das muss man dann spielen – Erinnerungen an ein Haus am See“, Matthias Biskupek „Gruppenzwang im Dichterheim“ und Wolfgang Eckert mit „Der letzte Sommer“. Von Christa Kozik gibt es den Erinnerungstext „Schönes weißes Haus am See“, den sie auf der Präsentation von Buch und Ausstellung in Petzow vorlesen wollte, jedoch wurde sie kurzfristig krank. Die Lesung wird nachgeholt werden. Derweilen kann man selbst das Lesebuch mit den drei Pappeln auf dem Umschlag zur Hand nehmen.

 

 

 

 

 

 

 

A. Bohm

Petzow. Villa der Worte.Bircken, Hartinger, Kretzschmar, Raue; Schmidt: Petzow. Villa der Worte. Das Schriftstellerheim in Erinnerungen und Gedichten. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2016, 304 S., 19.90 Euro

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