Hören, wenn der Ball kommt
2. Juni 2016
Rückruf von Lebensmitteln: Umtausch am besten direkt beim Händler
2. Juni 2016

Ein Blick von außen auf die Windenergie-Debatte:

Deutschland geht es so gut, dass über dieses Thema gestritten werden kann.

Sehr geehrte Redaktion,

mein Name ist Bartosz Lysakowski, ich habe an der BTU in Cottbus einen Bachelorabschluss in „Landnutzung und Wasserbewirtschaftung“ und einen Masterabschluss in „Forensic Science and Engineering“ gemacht. Zurzeit bin ich Doktorand im Fachgebiet Ökologie. Ich bin zufällig auf die Leserdiskussion zu Windenergieanlagen gestoßen und möchte einen Blick von außen auf die Debatte werfen.

Ich stamme aus Posen und ging auch dort zur Schule. Sie und Ihre Leser haben sicherlich von den politischen Änderungen in meiner Heimat gehört. In Deutschland hört man meist davon, dass die Medien reguliert werden und das Verfassungsgericht neutralisiert wurde und man sich von einem demokratischen Regierungssystem entfernt. Kaum etwas liest man zur neuen Umweltpolitik in Polen. Im Urwald Bialowieza, einem von der UNESCO geschützten Weltnaturerbe, soll wieder intensiv wie in Wirtschaftswäldern gearbeitet werden. Erneuerbare Energien spielen faktisch keine Rolle, dafür wird die besonders fatale Braunkohlewirtschaft weiter ausgebaut mit einem neuen Tagebau an der deutschen Grenze. Auch das erste Atomkraftwerk Polens soll an der Grenze gebaut werden. Während in Deutschland der Ausstieg aus der Kohlewirtschaft ernsthaft diskutiert wird, setzt die polnische Regierung auf die maroden Steinkohlebergwerke in Schlesien, deren Kohle nicht mal mit massiven Subventionen weltmarktfähig ist. Die Teilnehmer der Diskussion bei Ihnen über Windkraft haben alle in einem Punkt Recht: Deutschland geht es so gut, dass über dieses Thema überhaupt gestritten werden kann.

Die regenerativen Energien bieten Möglichkeiten, sich vom zentralen Stromnetz unabhängig zu machen. Ich habe durch mein Studium viele Freunde aus Syrien, Indien, China und anderswo. Dort wird beim Ausbau der neuen Energien meist auf ein zentrales Stromnetz verzichtet, in Afrika ist die „neue“ Energie oft die erste Stromquelle eines Dorfes. Ähnlich wie bei Telefonen hat man dort den Entwicklungsschritt „Festnetz“ übersprungen und baute ein vergleichsweise billiges Handynetz auf. Wir streiten über Stromspitzen und Grundlast, während man anderswo die Dinge auch anders betrachtet. Wer wie ich regelmäßig die Wissenschaftsnachrichten auf seriösen Seiten im Internet liest, sieht die rasanten Fortschritte in der Technik. Bei Solarzellen gibt es inzwischen Wirkungsgrade, die vor einiger Zeit noch für unmöglich gehalten wurden. Aber fast alle diese Fortschritte werden im Ausland gemacht. Statt der deutschen Autoindustrie neue Milliardensubventionen zu geben, würde dieses Geld zukunftstauglich in Forschung zu Wirkungsgraden und Speichertechnologien notwendig. Die Uni Wien hat eine Solarzelle entwickelt, die Licht direkt in chemische Energie umwandelt. Die Probleme mit der Windenergie, die von Polen aus betrachtet Luxusprobleme sind, ließen sich offensichtlich lösen.

Es fehlt aber auch ökologische Forschung. Es ist relativ offensichtlich, dass Energie aus Biomasse nur dann Sinn macht, wenn sie aus Abfällen gewonnen wird. Stattdessen werden doppelte Ackerflächen verbraucht: Bei uns, um Mais anzubauen und in Brasilien, um Soja für unsere Güllewirtschaft zu produzieren zum Düngen der Maisfelder. Bei Solarzellen weiß niemand, wie viele Wasserinsekten von den spiegelnden Oberflächen getötet werden, weil sie für Insekten wie Wasser aussehen. Verglichen mit dem durch Fotos belegbaren Unfalltod von Großvögeln an Windrädern ist der Vorgang kaum sichtbar und seine Folgen unbekannt. Es wird bei Windrädern immer angenommen, dass es eine hohe Dunkelziffer an toten Vögeln und Fledermäusen gibt. Das klingt plausibel, weil kleine Kadaver sehr schnell aus der Landschaft verschwinden. Aber vielleicht gibt es diese vielen Kadaver gar nicht. Es gibt noch keine Methode, um diese Frage zu klären. Wegen des Vorsorgeprinzips geht man aber von hohen Schäden für die Tierwelt aus. Auch zu dem strittigen Punkt, wie sich Windräder in Kiefermonokulturen auf die Artenvielfalt auswirken, gibt es kaum Untersuchungen. An der BTU suchen Studierende immer nach innovativen Themen für ihre Abschlussarbeiten. Wirtschafts- und Naturschutzverbände könnten als gemeinsame Auftraggeber solche Arbeiten unterstützen. Wenn es einen negativen Einfluss gibt, muss man sich Gedanken um die bestmöglichen Vermeidungs- und Ausgleichsmaßnahmen machen. Wenn es die befürchteten Auswirkungen nicht gibt, kann ein strittiger Punkt beigelegt werden.

Wir sehen immer wieder, dass die Welt anders ist als es in Büchern steht. Beispielsweise gelten Adler als empfindlich gegenüber Störungen. Seit diesem Frühjahr brüten aber Fischadler an der vierspurigen B168 zwischen Cottbus und Peitz nur 25 m von der Straße entfernt auf einem Elektromast in einem Acker. Es hat ihnen offenbar niemand gesagt, dass sie störungsempfindlich sein müssen.

Vielleicht sind einige unserer Technologien nur Übergangslösungen. Vielleicht lassen sie sich aber mit gutem Willen und guter Forschung so ausbauen, dass alle davon profitieren können. In Deutschland kann das möglich sein, im Polen von heute leider nicht.

Bartosz Lysakowski

X