„Heinz Rühmann – einer von uns” im Schloss Sacrow
7. Mai 2017
„Elfenbeinturm“ im Kulturladen Fahrland
5. Juni 2017

„Die Revolution des gemeinen Mannes“

Serie zur Interaktion  „Stadt trifft Kirche“  im Rahmen  des  500. Reformationsjubiläums.
Legende Potsdam – Diskursethik zwischen Konfession und Weltanschauung
In Zeiten der Potsdamer Toleranz, zwischen Sklavenverkauf in Groß Friedrichsburg, Kur- Brandenburgischem Edikt, Soldatendrill, Ästhetisierung, Preußenverehrung, Preußenhass und Marketing.
Eine Polemik von Hans Groschupp

Folge 5:

Radikalisierung der Reformation, Gegenreformation und Anpassung

Die sieben Freien Künste

Jeder Mensch kann auch ohne die Vermittlung der hierarchischen Kirche seinen Weg zu Gott und seinem Seelenheil finden. Diese Ansicht vertreten 1524/25 in Zürich und Allstedt zwei studierte Herren, die zugleich geweihte Priester sind. Sie beherrschen die sieben Freien Künste, die  Grammatik, Rhetorik und Dialektik, das sprachlich geprägte Trivium und die Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie, das mathematisch geprägte Quadrivium. Die beiden Herren haben somit den akademischen Grad „magister artium“.

Der erste ist der Begründer der Zürcher Reformation Huldrych Zwingli. Ein  volksverbundener Bauernsohn, dessen Biografie Martin Luther ähnelt. Sein Hauptwerk erscheint 1525, „Von der wahren und der falschen Religion“. Fünf Jahre vor Luther übersetzt er dann die griechische Bibel des Erasmus von Rotterdam ins Deutsche. Diese „Zürcher Bibel“ wird 1529 gedruckt.

Der zweite ist der Führer im Deutschen Bauernkrieg Thomas Müntzer, ein Handwerkersohn aus dem Harz, der in Frankfurt an der Oder studierte und Luther wie Zwingli persönlich kennen lernte. Er war Theologe und Pfarrer. Seine Kritik ging über jene an der Kirche hinaus. In seiner „Fürstenpredigt“ zu Allstedt radikalisierte er sein Denken und rief zur gewaltsamen Befreiung der Bauern auf. Für unsere Regionalgeschichte ist interessant, dass Müntzer 1519 Pfarrer in Jüterbog war.

Der Ewige Rat

Thomas Münzer

Die historische Beurteilung des Bauernkrieges trennt die Geschichtsforscher in Ost und West. Was hatte die ungestüme Revolte zudem mit der Reformation zu tun? Einer der anerkannten Historiker war der im Februar verstorbene Peter Blickle. Er hatte den Bauernkrieg als die „Revolution des gemeinen Mannes“ bezeichnet, da nicht nur Bauern gegen die feudale Ständeordnung aufbegehrt hatten. Er könnte Recht gehabt haben, der Historiker aus dem Westen. Müntzer gründet in Mühlhausen den Ewigen Rat. In der Freien Reichsstadt Memmingen, einer Hochburg der Reformation, formulieren 1525 Bauernschaften Beschwerden in zwölf Artikeln, welche eine Basis für Verhandlungen mit den Fürsten sein sollen. Die Aufhebung der Leibeigenschaft steht an erster Stelle. Die Beschwerden laufen auf eine Veränderung der politischen und sozialen Verhältnisse hinaus. Damit fordert auch Müntzer ein Christentum nach biblischem Verständnis. Jeder Mensch hat laut 3. Buch Mose, Kapitel 25 – das Recht das Land, das Gott ihnen als Leihgabe gab, zu nutzen. Das wird ihnen jedoch verwehrt. Für den Adel, die herrschende Klasse, war die Heilige Schrift kein Normativ. Die perfideste Art ihrer christlichen Ignoranz war die „Abgabe im Todesfall“. Hier wurden Angehörige beim Tod eines Bauern verpflichtet, das beste Gewand und das beste Stück Vieh an den Herrn abzugeben. Das musste ein Ende haben. Luther hatte die Freiheit des Christenmenschen gefordert. Als seine christlichen Beschwerden ignoriert werden, lässt Müntzer die Sensen schärfen. Nach der verlorenen Schlacht der Bauern bei Frankenhausen wird er gefangen genommen, gefoltert und öffentlich hingerichtet.

„Seid untertan der Obrigkeit!“

Martin Luther

Und Dr. Martinus Luther? Kam 1522 auf Bitten des Stadtrates herunter von der Wartburg und eilte nach Wittenberg, wo sein Glaubensbruder Andreas Bodenstein sich herausgenommen hatte, einen evangelischen Gottesdienst in weltlicher Kleidung und in deutscher Sprache abzuhalten. In Anlehnung an die radikalreformatorische Täuferbewegung hatte Bodenstein seine Schrift von der „Abtuung der Bilder“ herausgegeben. Luther desavouiert seinen Weggefährten und lässt ihn aus Kursachsen ausweisen. Im Mönchsgewand kehrt Luther zur alten Form des Gottesdienstes zurück. Jeglicher Aufruhr sei von Gott verboten. Er führt den Römerbrief (13,1-7, siehe Überschrift) an. Auch die nach Wittenberg geflohenen Täufer um Nikolaus Storch weist er zurück.

Dr. Luther stellt sich in Sachen Bauernkrieg auf die Seite der Fürsten. In seiner schon erwähnten Schrift gegen Müntzer, führte er seine „Freiheit eines Christenmenschen“ ad absurdum: „..man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss..“

Philipp Melanchthon

Philipp Melanchthon

Setzt noch einen drauf. Vom Kurfürsten von der Pfalz um eine Analyse gebeten, schreibt er: „.(…) daß dies ein wildes ungezogenes Bauernvolk sei und die Obrigkeit recht tue. Außerdem ist der Zehnte rechtens, die Leibeigenschaft und Zinsen seien nicht frevelhaft. Die Obrigkeit kann die Strafe setzen nach der Not im Lande und die Bauern haben nicht das Recht der Herrschaft ein Gesetz zu diktieren. Für solch ein ungezogenes, mutwilliges und blutgieriges Volk nennt Gott das Schwert.“

Reichstag zu Speyer 1529

Sechs Fürsten und vierzehn Freie Reichsstädte treten als protestantische Minderheit gegen die Verhängung der Reichsacht gegen Luther sowie die Ächtung seiner Schriften und Lehre ein und forderten die ungehinderte Ausbreitung des evangelischen Glaubens. Diese Protestaktion der Fürsten und Städte gilt als die Geburtsstunde des Protestantismus.

Thomas Müntzer war nun drei Jahre tot. Jetzt wird gegen die „Täufer“ blank gezogen. Diese wollen die Wiederherstellung der neutestamentlichen Gemeinde Jesu, verstehen sich als Kirche der Bruderschaft und der Gewaltlosigkeit. Sie forderten Glaubensfreiheit und Gütergemeinschaft. Den Namen erhielten sie nach ihrem besonderen Sakramentsverständnis. Getauft werden kann nur ein bewusst glaubender Christ, also ein Erwachsener. Die Täufer wurden gefoltert und gemordet. Wo sie überleben, verlieren sie ihren Besitz oder werden als Sklaven verkauft.

Die Wartburg

Wiedertäufermandat 1529  

Die rechtliche Grundlage dafür bildete ein Beschluss des erwähnten Reichstages zu Speyer. In der Verfolgung waren sich dann Katholiken und Protestanten wieder einig. Auch Reformator Huldrych Zwingli reihte sich hier mit ein.

Gottfried Keller hat den Schweizer „Täufern“ (fälschlich Wiedertäufer) 1877 mit seiner Novelle „Ursula“ ein Denkmal gesetzt. DEFA-Regisseur Egon Günter aus Groß Glienicke verfilmte 1978 in einer Co-Produktion mit der Schweiz den Stoff. Das Drehbuch für „Ursula“ Schrieb die Potsdamerin Autorin Helga Schütz.

Wie sich die nächste Generation der Reformation um den Genfer Johannes Calvin verhielt, wird in der nächsten Ausgabe beschrieben.

Quellen:
Johannes Wallmann: Kirchengeschichte Deutschlands seit der Reformation . Tübingen 2012
Peter Blickle: Der Bauernkrieg. Die Revolution des gemeinen Mannes. München

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