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Deutschland und der Olympismus

Im Rahmen der gerade zu Ende gegangenen Olympischen Winterspiele in Südkorea und der vielen in diesem Jahr stattfindenden internationalen Sportveranstaltungen, veröffentlicht der HEVELLER an dieser Stelle eine Serie von Hans Groschupp, die sich der geschichtlichen Entwicklung der Olympischen Spiele in der Neuzeit widmet.

Teil 1: 1896 – 1916

Pierre de Coubertin, der Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, definierte den modernen Olympismus als eine geistige Haltung. Anspruch und Wirklichkeit dieser Haltung erfuhren von 1896 bis 2018 einschneidende Veränderungen. Vom 7. bis zum 12. August 2018 finden im Berliner Olympiastadion die 24. Europameisterschaften in der Leichtathletik statt.

Doch wie kam es überhaupt zu der Renaissance der Olympischen Spiele und später zur Verselbständigung der Kernsportart Olympias?

Des Kaisers neue Boxer

Die mangelnde körperliche Ertüchtigung der Soldaten war Schuld an der Niederlage Frankreichs im Krieg gegen Deutschland (1870/71). Der das 1893 meint und durch die Einführung von Sportunterricht an den Schulen ändern will, war im besagten Krieg 7 Jahre alt und hört auf den aristokratischen Namen Baron Pierre de Coubertin. Im Juni 1894 lädt er zwölf persönliche Freunde aus zwölf Ländern zu einem Kongress in die Pariser Sorbonne, um ein Internationales Olympisches Komitee zu gründen, das Olympische Spiele der Neuzeit organisieren soll. Die Mitglieder dieser nichtstaatlichen Vereinigung gelten nicht als Vertreter ihres Landes im Komitee, sondern als Vertreter des Komitees in ihren Heimatländern.

Antideutsches Ressentiment

Kaiser Wilhelm II. hegt Argwohn.  Zum Pariser Kongress hat der Baron Deutschland nicht eingeladen. Die Idee der Reanimation der Panhellenistischen Spiele von Olympia stammt zudem vom deutschen Oberlehrer Witte, der diese bereits 1882 propagiert hatte. Witte wollte die alljährlich stattfindenden Sedanfeste in Deutschland alle 4 Jahre mit internationalen Sportwettkämpfen anreichern.  Die Beschäftigung mit antiker Kultur entsprach damals dem Zeitgeschmack und war  eine Folge deutscher Aktivitäten, der erfolgreichen Ausgrabungen Heinrich Schliemanns. Was Witte begann, möchte Coubertin fortführen, ohne Deutschland.

Ein Sport interessierter Deutscher, Dr. Willibald Gebhardt, bemüht sich in Paris um die Teilnahme der Sportler seines Landes. Zuhause gilt der Chemiker als Verräter. Eine Teilnahme widerspräche der nationalen Würde eines Deutschen. Gegen den Willen des Kaisers bringt Gebhardt 23 deutsche Athleten an den Start der ersten  Olympischen Spiele der Neuzeit.

Gebhardt wird erstes deutsches IOC-Mitglied. Die beiden nächsten deutschen Mitglieder in den Jahren vor dem Weltkrieg, ein Prinz und ein Graf, aber sind Delegierte des Kaisers, die Generäle zu Salm-Horstmar und von Wartensleben-Carow.

Krieg versus olympischer Geist

Generäle können gut mit Generälen. So führt 1900 der deutsche Feldmarschall Alfred Graf  von Waldersee ohne Probleme ein internationales Expeditionskorps, bestehend aus den Kontingenten der vereinigten acht Staaten, Deutschland, Frankreich, USA, Großbritannien,  Italien, Russland, Japan, Österreich-Ungarn, zur Niederschlagung des Boxeraufstandes in China. Obschon das Expeditionskorps im Laufe der militärischen Auseinandersetzungen gegen die reguläre Armee Chinas kämpft und auch über die Kolonialgebiete hinaus chinesisches Territorium betritt, spricht man gestern wie heute weder von Krieg oder Weltkrieg.

Damals stehen diese Klassifizierungen ebenso wenig zur Debatte wie Erörterungen zum Einhalten von Menschenrechten, beispielsweise in Afrika, wo die europäischen Kolonialmächte brutal gegen die einheimischen Bevölkerungen vorgehen und jeden Widerstand im Blut ersticken. Für die Regierungen ergeben sich hierbei keinerlei Bezüge zur Realität der Olympischen Spiele der Neuzeit.

Coubertins Rassenverständnis

Die Spiele 1900 in Paris werden organisatorisch ein Chaos, die Spiele 1904 in St. Louis ethnisch ein Hohn. Es werden zwei „anthropologicals days“ durchgeführt, Wettbewerbe, die Negern, Indianern und Ainos vorbehalten bleiben. Ihnen wagte man die Türken und Syrier zuzugesellen.

Der Amerikanisch-Spanische Krieg mit dem Streitobjekt Kuba ist gerade beendet. Der Russisch-Japanische Krieg steht bevor. Gedachte jemand bei den III. Olympischen Spielen in St. Louis der Toten dieser Auseinandersetzungen, jener des Burenkrieges und jener der Aufstände in den afrikanischen Kolonien? Der Kilimandscharo ist jetzt der höchste Berg Deutschlands.

Der deutsche Kaiser

Wilhelm II. nennt sich aus Anlass seines 20. Regierungsjubiläums „Friedenskaiser“. Sein

Lieblingssport ist das Tontaubenschießen. Der Kaiser besucht regelmäßig die seit 1882 stattfindende Regatta der „Kieler Woche“. Bei der Jubiläumsveranstaltung im Juni 1907 wird er zum Förderer einer „nützlichen“ Sportart. Aus dem Kreuzer „Tsukuba“ steigt der japanische Meister im Jiu Jitsu Agitaro Ono und schickt in einem Schaukampf einen deutschen Hünen mit wenigen Faustschlägen und Tritten auf die Bretter. Der Kaiser applaudiert. Im Sommer 1900 hatte man die chinesischen Kollegen dieser Kampftechnik noch Boxer genannt. Jene hatten sich angeschickt, alle Ausländer aus dem Reich der Mitte zu vertreiben. Damals hatte der deutsche Kaiser Kanonenboote entsandt und seine berüchtigte Hunnenrede gehalten:

…Bewahrt die alte preußische Tüchtigkeit, kommt ihr vor den Feind, so wird er geschlagen. Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht. Wer euch in die Hände fällt, sei in eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutschlands in China in einer solchen Weise bekannt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen!

1907 ordnet der Kaiser an, diese Kampftechnik für Heer und Polizei zu nutzen. Der deutsche Meisterschüler Erich Rahn, der schon 1906 eine Jiu-Jitsu-Schule in Berlin eröffnet hatte, bekommt dafür einen Lehrauftrag in der Berliner Militär-Turn-Anstalt, die 1916 nach Wünsdorf verlegt wird.

In jenem Jahr 1916 steht ein riesiges Stadion im Grunewald leer, das Deutsche Stadion, das die Jugend der Welt zu den VI. Olympischen Spielen der Neuzeit empfangen sollte. Die Jugend der Welt liegt sich jedoch in Schützengräbern gegenüber und schießt sich auf Befehl ihrer Offiziere tot. Der Olympische Geist der Welt stirbt im Granatsplitter. Deutsche IOC-Mitglieder, Generäle des Kaisers sind an den Ort ihrer eigentlichen Bestimmung zurückgekehrt, wie die Generäle der anderen Krieg führenden Länder auch.

Der neue Verein

Coubertin zieht keine Uniform mehr an und verlegt den Sitz des IOC 1915 nach Lausanne. Das IOC unterliegt nun schweizerischem Vereinsrecht. Der Baron bereut seine zwischenzeitliche Annäherung an Berlin und unterstützt sein Heimatland Frankreich mit Propagandavorträgen in Schulen. Nach dem Weltkrieg verlässt er mit dem Blick auf die nächsten Spiele 1920 in Antwerpen seinen Leitsatz, „all games, all nations“ und bemerkt, dass er die Deutschen frühestens erst wieder 1928 dabei haben möchte. In Deutschland, das unter den Opfern des Weltkriegs auch viele Sportler zu beklagen hat, wird das zur Kenntnis genommen. Der Deutsche Reichsausschuss für Olympische Spiele wird in „Deutscher Reichsausschuss für Leibesübungen“ umbenannt. Generalsekretär Dr. Carl Diem erklärt, dass der Gedanke an die Olympischen Spiele in Deutschland tot sei.

Hans Groschupp

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