Große Fahrt nach Wittenberg
7. Juni 2017
Der „Luisenplatz“ und seine mehrfachen Umgestaltungen
6. Juli 2017

Castellio gegen Calvin oder ein Gewissen gegen die Gewalt

Legende Potsdam – Diskursethik zwischen Konfession und Weltanschauung

In Zeiten der Potsdamer Toleranz, zwischen Sklavenverkauf in Groß Friedrichsburg, Kur- Brandenburgischem Edikt, Soldatendrill, Ästhetisierung, Preußenverehrung, Preußenhass und Marketing.

Serie zur Interaktion  „Stadt trifft Kirche“  im Rahmen  des  500. Reformationsjubiläums. Eine Polemik von Hans Groschupp, Folge 6

Die verlorene Tolerierung der Hugenotten nach der Stabilisierung der katholischen Kirche

Nachtrag zur letzten Folge:

Das Täuferreich von Münster 1534 / 35 hatte die gesamte reformatorische Täuferbewegung in Generalverdacht gebracht. Das ausgerufene Reich wurde von bischöflichen Truppen belagert und schließlich eingenommen. 650 Täufer wurden liquidiert, ihre Frauen aus der Stadt gejagt. Die überlebenden Täufer beiderlei Geschlechts wurden in den Wochen danach hingerichtet.

Reformator der zweiten Generation,

war der französisch stämmige Johannes Calvin (1509 – 1564). Er wirkte hauptsächlich in Genf. Sein Hauptwerk „Institutio Christianae Religionis“, Unterweisung in der christlichen Religion, ist das geschlossenste systematische Werk der Reformation. Ihm wenig nach stand als Nachfolger Hyldrich Zwinglis in Zürich Heinrich Bulliger. Beide hatten entscheidenden Einfluss auf die reformierten Kirchen in Europa und in den wenig später entstehenden Kolonien, auch in Nordamerika.

In Frankreich wurde seit dem Konkordat von Bologna 1516 die Infrastruktur der Kirche von Franz I. bestimmt. Er brachte den Hochadel auf die wichtigsten kirchlichen Positionen und sicherte sich über die Pfarrer in den Gemeinden die Präsenz bei der Proklamierung von Edikten. Die Protestanten in Paris waren stark von Calvin beeinflusst. Nicolaus Cop, Rektor der Pariser Universität musste nach einer Rede zusammen mit dem anwesenden Johannes Calvin aus Paris fliehen. Die Anhänger Calvins, die Calvinisten, flüchteten vor der Gegenreformation von einer Gegend in die andere. Es kam zu den Hugenottenkriegen, in denen die dynastischen und machtpolitischen Absichten in eine konfessionelle Auseinandersetzung umschlugen.

Nach dem Tod Franz I. 1547 setzte sein Sohn Heinrich II. in Frankreich die Repression gegenüber den Calvinisten fort. Man nannte diese Hugenotten. Aus dem frühneuhochdeutschen Eidgenosse war in Frankreich die Form eygenot entstanden, aus der schließlich Hugenotte wurde.

  

Castellio (links) und Calvin (rechts)

Im Dschungel der Edikte

Mit dem Edikt von Châteaubriand 1551 erließ Heinrich II. das erste Ketzeredikt gegen die Hugenotten. Es folgte 1557 das Edikt von Compiègne, das auch die ländlichen Hugenotten der weltlichen Gerichtsbarkeit unterstellte, schließlich 1559 das Edikt von Écouen, nach dem die Gerichte Häresie (Ketzerei, Irrlehre) nur noch mit dem Tod bestrafen durften. Im Edikt von Saint-Germain von 1562 wendete sich das Blatt vorübergehend. Katharina von Medici, der berühmten florentinischen Familie entstammend war die Frau Heinrichs II. und nach seinem Tod 1547 Königin von Frankreich, bzw. Regentin ihrer minderjährigen Söhne. Sie gestattete dem hugenottischen Adel in den ländlichen Regionen eingeschränkte Glaubensfreiheit. Allerdings zeichnet Katharina 1572 auch für die Bartholomäusnacht die Verantwortung, in der in Paris 3000- und auf dem Land 20 000 Hugenotten ermordet wurden. Pogrome gegen Protestanten in ganz Frankreich folgten.

Religionsfreiheit

Heinrich IV., selbst Protestant, konvertierte nach seiner Thronbesteigung zum Katholizismus, um den Krieg mit der Katholischen Liga zu beenden. Im Edikt von Nantes erhielten die Hugenotten 1598 Glaubensfreiheit und volle Bürgerrechte. Der berühmt berüchtigte Kardinal Richelieu bestätigte das 1629 mit dem Gnadenedikt von Alès.

Dreißigjähriger Krieg 1618 – 1648

Gleich mehrere Konflikte um die Hegemonie des Kontinents führen zum Krieg. Das Machtstreben bemäntelt sich dabei des Kampfes der gegensätzlichen christlichen Konfessionen. Der Krieg, der Europa verwüstet, gilt daher auch als ein Krieg der Religionen. Der böhmische protestantische Adel hatte aufbegehrt und die Beamten Ferdinands II. aus dem Fenster (Fenstersturz) der Prager Burg geworfen. Der Katholik Ferdinand II. ist zugleich Habsburger Kaiser. Im Westfälischen Frieden wird 1648 das Verhältnis zwischen Kaiser und Reichsständen neu definiert.

Der Sonnenkönig  (1638 – 1715)

Ludwig XIV. betritt als Fünfjähriger 1643 den französischen Thron. Frankreich wird zur dominierenden Macht in Europa. Der prunksüchtige König bekommt den Beinamen „Sonnenkönig“. Im Edikt von Fontainebleau „kassiert“ Ludwig 1685 das Edikt von Nantes und nimmt den Calvinisten alle religiösen und bürgerlichen Rechte. Letztere müssen nun um ihr Leben fürchten und verlassen panikartig das Land. Wohin können Sie?

Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620 – 1688)

Der Dreißigjährige Krieg hatte Brandenburg ausgelaugt. Vergeblich versuchte der Kurfürst mit Schweden dauerhaften Frieden zu schließen. Der Kurfürst heiratete in Holland ein. Der Mitgift der Henriette von Oranien folgten holländische Baumeister, Handwerker, Landwirte und Kaufleute in die Mark, auch nach Potsdam. Was Peter I. für Russland und Petersburg ersann, praktizierte der Kurfürst von Brandenburg knapp fünfzig Jahre früher. Als Friedrich Wilhelm dann 1675 die Schweden mit der Schlacht bei Fehrbellin aus Kerneuropa warf, wurde er fortan der Große Kurfürst genannt.

Der große Kurfürst

Dem Edikt des Sonnenkönigs ließ er 1685 sofort das Kurbrandenburgische Edikt folgen. Es lud die Calvinisten ein, nach Brandenburg-Preußen zu kommen und gewährte ihnen alle Rechte.

Heute wird das genannte Edikt gern als Toleranzedikt bezeichnet. Es folgte aber primär ökonomischen Zielen. Toleriert werden musste die protestantische Konfession der Ankömmlinge nicht. Der Kurfürst hatte ja die gleiche. Wie tolerant war der Große Kurfürst andererseits mit den, in seiner afrikanischen Kolonie Groß Friedrichsburg gefangenen, Afrikanern, die er mit seinen Schiffen der Kurbrandenburgischen Marine als „Negersklaven“ nach Amerika verkaufte? Der Artikelverfasser lehnt es ab, Begriffe wie Toleranz oder Rassismus historisch zu relativieren.

Die Toleranz des geistigen Vaters

Johannes Calvins protestantische Anhänger wurde verfolgt, bekriegt und gemordet. Auch in Genf wurden Andersgläubige exekutiert, unglaublicher Weise sogar in der Wirkenszeit des Reformators Calvin. Es ist schon damals diskutiert worden, welchen Anteil Calvin selbst daran hatte. Das bekannteste Opfer war der spanische Arzt und Theologe Michael Servetus, der sich zum Protestantismus bekannte und bei Calvin Unterschlupf gefunden hatte. Calvin denunzierte den Theologen und lieferte ihn aus. Beim Ketzerprozess fungierte er als Experte. Calvin überführte den Spanier der Häresie. Michael Servetus, der einstige Freund, starb auf dem Scheiterhaufen.

Ein anderer, der französische Gelehrte und Theologe Sebastian Castellio, hatte sich ebenfalls auf die Seite der Calvinisten geschlagen. Castellio hatte die lateinische Bibel ins Französische übersetzt. Calvin gab Castellio ein gutes Zeugnis und verschaffte ihm den Posten als Rektor der Genfer Lateinschule. Der Humanist Castellio hatte großen Erfolg. Nun wiederum nannte ihn Calvin einen Schismatiker. Im Prozess gegen Servetus nahm Castellio Partei für den Arzt. Es sei für Türken und Juden befremdlich, wenn diejenigen, die den Namen Christi bekennen von den Christen selbst durch Feuer, Wasser und Schwert und ohne jedes Erbarmen umgebracht und grausamer behandelt werden als Diebe und Wegelagerer. Damit unterschiede sich die reformierte Kirche nicht von der katholischen Inquisition.

Calvin bezeichnete Castellio darauf als Werkzeug des Satans.

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig schrieb 1936 den Roman Castellio gegen Calvin. Er verwies auf erhaltene Predigtabschriften und Ratsprotokolle, die belegen, dass Calvins Wort bei allen Urteilen gegen Andersgläubige gehört wurde. Stefan Zweig belegte mit seinem Buch einmal mehr, dass Schriftsteller das eigentliche Gewissen eines Volkes sind. Anders als die Geschichtsschreiber der Epochen sind sie niemandem untertan.

 

Quellen:

Rabe, Horst: Deutsche Geschichte 1500-1600. Das Jahrhundert der Glaubensspaltung.  München 1991 Guggisberg, Hans Rudolf: Sebastian Castellio, 1515 – 1563. Humanist und Verteidiger der religiösen Toleranz im konfessionellen Zeitalter. Göttingen 1997

Zweig, Stefan: Castellio gegen Calvin oder ein Gewissen gegen die Gewalt. Wien 1936

  

 

 

 

 

 

X