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„Bodenfunde“ sind selten geworden

Eine Vielzahl von Kirchendächern sind seit 1990 erfreulicherweise repariert worden. Dabei wurden in der Regel auch die Dachböden entrümpelt, und es fand sich noch dies und jenes kirchengeschichtlich Interessante darunter. Heute ist dies nur noch selten der Fall. Umso mehr war ich erstaunt im Herbst vergangenen Jahres im Turmzwischengeschoss der Kirche von Nattwerder eine graue, unansehnliche, merkwürdig geformte Holztafel zu entdecken. Beim näheren Betrachten stellte sich heraus, dass es sich dabei um ein Totenkronenbrett handelte, das offenbar von einem Handwerker bei den Sanierungsarbeiten in den Jahre 2007/09 dort ab- und sichergestellt worden und seitdem unbeachtet geblieben war. Trotz des vielen Staubes war es noch gut lesbar:

Friedrike Pabst
Tochter des Büdners
Pabst zu Leest
am 11. Aug. 1833.
gst. am 22. Febr. 1847.
——————————
Wir Alle, wie ha-
ben wir sie so lieb
gehabt.

Es bestand kein Zweifel, es handelte sich um ein Totenkronenbrett für ein im Alter von 13 Jahren verstorbenes Mädchen. Unter den Angaben zur Person ist ein Sinnspruch angefügt, der zeitgemäß einen großen Verlustschmerz ausdrückt und uns auch heute noch berührt. Spannend war die Frage nach der sozialen Herkunft der Verstorbenen. Aber in dieser Beziehung helfen in der Regel Kirchenbücher weiter. Hiermit konnte zunächst einmal geklärt werden, dass sie auf die Vornamen Friederike Luise getauft worden war und dass das Totenbrett dies bewusst verniedlichend oder in Unkenntnis falsch und unvollständig wiedergibt. Warum auch immer. Ihr Vater Andreas Pabst, ein Meyer aus Lehnin, hat am 6.11.1831 in die Leester Büdnerfamilie Andreas Fritze eingeheiratet. Aus der Ehe mit Caroline Fritze stammen 10 Kinder, die mehrheitlich bis zum 1. Lebensjahr an „Schwäche“ gestorben sind. Friederike Pabst ist nach der entsprechenden Kirchenbucheintragung an „Nervenfieber“ gestorben, ein Begriff der schon lange nicht mehr als Diagnose verwandt wird. Es handelt sich um „Fleckfieber“ oder wie wir heute sagen „Typhus“. Typhus war im frühen 19. Jahrhundert unheilbar und damit gewissermaßen ein Todesurteil.

Der Totenkronenbrauch kam im 17. Jahrhundert auf und war bis in das 19. Jahrhundert in Brandenburg und in den angrenzenden sächsischen bzw. mecklenburgischen Gebieten weit verbreitet. Unvermählt verstorbenen, weiblichen und männlichen Personen wurde die Beerdigung für die zu Lebzeiten entbehrte Brautkrone zu einer Hochzeit mit Christus umgestaltet. Familienangehörige und Freunde ehrten diese Toten mit einer Krone, zu denen, je nach dem sozialen Stand, Naturmaterialien, künstliche Blumen, bestickte Bänder oder sogar Goldfäden verwandt wurden. Die Totenkrone wurde in der Kirche auf der Konsole des mit dem Namen und den Lebensdaten der oder des Verstorbenen beschrifteten Totenkronenbrettes aufbewahrt; sie stellten nach Fontane vor allem in den ärmlichen Dorfkirchen die einzige Wanddekoration dar. Da diese Form der Volksfrömmigkeit nur mit Einschränkung aus dem Evangelium begründet war, haben die Pfarrer im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dafür gesorgt, dass sie aus den Kirchen verbannt oder – im glücklichsten Fall – auf Kirchendachböden entsorgt wurden. So fanden sich auch in Nattwerder bei der Bestandsaufnahme im Jahre 1930 noch 13 gestapelte Totenkronenbretter, die renoviert und farbig wiederhergestellt werden sollten. Das ist damals offensichtlich nicht geschehen. Denn nach der Renovierung der Kirche Nattwerder 1983/85 fand sich unter der südlichen Turmempore nur noch ein einziges Totenkronenbrett aus dem Jahre 1815 von Friedrich Wilhelm Mauerhoff. Der Leiter des Potsdamer Amtes für Denkmalpflege entdeckte 1999 auf dem Dachboden der Kirche Nattwerder drei weitere Totenkronenbretter aus den Jahren 1820 (August Friedrich Gerich), 1821 (Johan Heinrich Mauerhoff) und 1838 (Carl Friedrich Dortschy). Nun sind es fünf, wobei hinzugefügt werden muss, dass allen das entscheidende Attribut eines Totenkronenbretts fehlt – die Totenkrone.

Wie auch bei den früher aufgefunden Totenkronenbrettern hat sich der Verein Schweizer Kolonistendorf Nattwerder (SKDN e.V.) um die Restaurierung des Totenkronenbrettes von Friederike Pabst gekümmert. Auf die dazu notwendigen, sehr aufwendigen Ausschreibungen soll hier nicht näher eingegangen werden. Sie ist letztendlich denkmalgerecht durch die Fa. R. Broschke (Bornstedt) für 1.630,30 € erfolgt. Die besonderen Herausforderungen bei dieser Restaurierung bestanden in der Bekämpfung des aktiven Anobienbefalls durch eine Stickstoffbegasung, Ergänzung des Totenkronenbrettes mit einer runden Konsole in Absprache mit der Unteren Denkmalschutzbehörde, Zusammenschieben einer bestehenden Mittelfuge, Ergänzung und Angleichung der Farbfassung sowie die Anfertigung einer geeigneten Aufhängung. Die Finanzierung des Projektes haben sich der Verein SKDN e.V. (630,30 €) und die Untere Denkmalschutzbehörde Potsdam (1.000,- €) geteilt. Ein herzliches Dankeschön ergeht deswegen auch an dieser Stelle an die Denkmalschutzbehörde.

Frau Pfarrerin Gaedt (Alt Töplitz) hatte die Idee, das wiedergefundene Totenkronenbrett im Regionalgottesdienst in Nattwerder am Ewigkeitssonntag (26.11.2017) der Kirchengemeinde vorzustellen und gleichzeitig über den Totenkronenbrauch zu predigen. Der Gottesdienst war für Nattwerderaner Verhältnisse mit etwa 20 Personen gut besucht. Frau Gaedt hat sich in der Auswahl der Choräle, des Episteltextes (Offenbarung 21, 1-7) und vor allem in ihrer Predigt (Matthäus 25, 1-13) eingehend auf die hinter dem „Totenkronenbrauch“ stehenden Aussagen des Alten und Neuen Testaments bezogen. Damit war nach ihrer Auslegung zufolge gemeint, dass aller weltlicher Schmerz, durch die Freude, die „Lebenskrone“ zu erringen und die „Vermählung“ der Gemeinde der Gläubigen mit Christus zu erreichen, übertroffen wird. Sie verwies aber auch auf die Vorstellungswelt der lutherischen Pietisten – und hier besonders auf die Herrnhuter Brüdergemeine um Zinzendorf – und erweiterte damit die theologische Aussage auf die Gotteskindschaft aller Christen.

Das Totenkronenbrett von Friederike Pabst wurde während des Gottesdienstes an seinem vorgesehenen Platz unter der Westempore (südliche Seite) von dem anwesenden Restauratoren Ehepaar Broschke befestigt. Für viele war dies ein bewegender Augenblick! Allen Kirchengemeinden kann nur empfohlen werden, bei sich Ausschau zu halten, ob noch Totenkronenbretter vorhanden sind, um diese Tradition und kulturhistorische Rarität lebendig zu erhalten.

Dr. sc. Dietmar Bleyl

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