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An Luther kommt keiner vorbei…

Reformationsjubiläen und Martin Luther – von Helmut Augustiniak

An Martin Luther kommt keiner vorbei. Seine Würdigung kann in zweierlei Weise erfolgen. Etwa, es wird nur auf die neue Theologie der Befreiung von katholischen Riten verwiesen und Martin Luther wird als Erneuerer des christlichen Glaubens betrachtet oder seine Persönlichkeit wird insgesamt dargestellt.

Kaum ein anderer Mensch ist heute so umstritten wie Martin Luther. Es ist schwer, ein objektives Bild seiner Persönlichkeit darzustellen. Das vorhandene Material erlaubt es, für oder gegen Luther Partei zu ergreifen. Vielleicht haben es Historiker leichter, die keiner so großen christlichen Kirchen angehören. Bei ihnen wird am Ende die Wertung seiner Leistung aber offen bleiben. Protestantische Christen sehen in Luther den großen Veränderer der Welt. Katholische Christen würden anhand seiner Biografie seine Glaubwürdigkeit infrage stellen.

Jüterbog, Nikolaikirche, Südkapelle mit Tetzelkasten Foto: Detlef Saalfeld

In diesem Artikel soll versucht werden, nur einige Aspekte der Reformation in der Mark Brandenburg zu betrachten. Joachim I. Nestor, Kurfürst von Brandenburg, war ein entschiedener Gegner der Reformation. In seinem Testament vom 22. Oktober 1534 verpflichtet er seine Söhne Joachim II. Hector und Johann von Katrin, der über die Neumark regierte, beim alten Glauben zu bleiben. Beide Herscher nahmen nach dem Tod ihres Vaters eine unterschiedliche Haltung zu Luthers Lehre ein. Betrachtet man das Territorium der Mark Brandenburg zur Reformationszeit, ist festzustellen, dass neben der weltlichen Herrschaft des Kurfürsten noch fünf Bischöfe das Sagen hatten. Das Territorium der Bistümer Brandenburg, Havelberg, Halberstadt, Kammin, Lebus und Meissen ragten mit ihrem Territorium in das Hertschaftsgebiet der Brandenburger Kurfürsten rein.

Die Reformation hatte durch die zögerliche Haltung Joachim II. und den unterschiedlichen  Haltungen der Bischöfe zur lutherischen Lehre eine von den übrigen protestantischen Fürstentümern eigenen Verlauf.

Während sich Johann von Küstrin, der über die Neumark regierte, Luther anschloss und 1538 das Abendmahl in beiderlei Gestalt annahm, zögerte sein Bruder Joachim II. Nestor, der über die Neumark regierte, damit noch. Er war bei seinem Onkel Kardinal Albrecht von Brandenburg erzogen worden, stand unter politischen Druck seines streng katholischen Schwiegervater, des Königs Sigismund von Polen und versuchte nun einen „königlichen Mittelweg“ zu finden. Aber die „heimliche Reformation“ hatte in Brandenburg schon begonnen. In Berlin nahmen nicht mehr alle Bürger an den Fronleichnamprossesionen teil, der Reliquienkult, die Verehrung der Gnadenbilder und die Teilnahme an Wallfahrten wurden immer mehr abgelehnt. Der neue Glaube fand Eingang in die Gedankenwelt des Bürgertums und teilweise auch in die des niedrigen Adels. Der Kurfürst aber wollte keinen radikalen Schnitt tun. Die Berichterstattung darüber ist sehr dürftig. Seine Annahme der lutherischen Lehre sollte kein aufsehenerregendes Ereignis sein. Mit Rücksicht auf seine Frau Hedwig, die als polnische Königstochter katholisch blieb, wählte er als Ort seines Übertritts zum Protestantismus nicht den Berliner Dom, sondern die St. Nicolai Kirche in Spandau. Am 1. November 1539 trat der Kurfürst auf die Seite seiner evangelischen Untertanen.

Widerstand gegen die Reformation erfolgte sowohl durch die Stadt Brandenburg als auch durch das Domstift und das Domkapital. Ohne hier ausführlich auf die Gründe dafür einzugehen, spielten ökonomische Interessen dabei eine große Rolle. Berichte über die Durchführung der Reformation in den Städten und Dörfern der Mark Brandenburg sind dürftig bzw. nicht vorhanden. Eine gewisse Ausnahme bildet Jüterbog und der Aufenthalt des Ablassverkäufers Johann Tetzel in der Stadt. Er war zwar nicht der einzige Ablasshändler, den die Kirche ausschickte, um die Gläubigen zu melken, aber da er mit seiner Tätigkeit den Anlass zu Luthers Thesen gab, ist er der am meisten erwähnte.

Er hat die Gläubigen gemolken, dass es eine Wonne war – vor allem für die hohe Geistlichkeit. Er hat ihnen klargemacht, sie könnten sich ohne Weiteres von ihren Sünden loskaufen, wenn sie nur ein wenig Geld bezahlen würden. Hunderttausende von Jahren im Fegefeuer blieben Ihnen dann erspart.

Für Luther, der gegen den Ablasshandel wetterte, lief das Fass über als Tetzel in seiner Region agieren will. Mit seinen 95 Thesen bricht er einen Krieg gegen die hohe katholische Geistlichkeit vom Zaune. Am Anfang gab er sich gemäßigt. Aber in der Folgezeit ist keine Grobheit Luther gut genug, wenn er gegen die Anhänger des Papstes wetterte. Er vergleicht sie mit Schweinen, Teufeln und Fürzen. Er bietet dem Papst die Stirn. Er veröffentlicht eine Schrift nach der anderen gegen Rom. Die herausragende ist vielleicht die „Von der Freiheit der Christenmenschen“. Ihre Aussage: Nicht die guten Werke, sondern der Glaube allein bewährten den Christen vor dem Höllenfeuer. Das einfache Volk fühlt sich befreit und steht auf Luthers Seite. Selbst die Bauern, seit Jahrhunderten unterdrückt, zitieren seine Worte. Dann beginnen die Bauernaufstände. Die Bauern begehen unvorstellbare Grausamkeiten. Luther gerät zwischen alle Fronten. Als die Aufstände immer blutiger werden, schlägt sich Luther offen auf die Seite der Fürsten. Seine Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ segnet den Fürsten das Schwert. In Deutschland werden die Aufständigen gejagt, gefoltert und getötet. Das Fazit ist erschreckend. Insgesamt wurden 130.000 Bauern getötet. Die Bauern selbst fühlten sich von Luther verraten. Sie münzen den Namen Doktor Luther in “Doktor Lügner” um. Luther wird so verhasst, dass er sich lange nicht mehr aus Wittenberg heraustraut.

Zwei Aspekte in Luthers Leben sollen erwähnt werden. Das ist erstens das Vorkommnis in seinem Verhalten zur Obrigkeit und zweitens sein Verhalten in der Judenfrage. Carl Eduard Vehse, der Chronist aller Fürstenhäuser Deutschlands, beschrieb das im 19. Jahrhundert in seinem Buch „Die Höfe zu Hessen“ folgendermaßen: „Der Landgraf Phillipp war ein Mann von sehr sinnlich derber Natur, ein Herr auf dem die vom großen Reformator gepriesenen drei köstlichen Stücke Wein, Weib und Gesang‘ sehr starken Einfluss machten… Seine Gemahlin, nachdem sie ihm zehn Kinder geboren, war ihm nachgerade unangenehm und widerlich geworden. Er hatte sich mittlerweile in eine andere junge Dame verliebt. …Er konnte aber mit seiner Werbung nicht zum höchstbegehrten Endziele kommen. Er fasste daraufhin den Beschluss, sich eine zweite Gemahlin, eine ,Zufrau‘ zu nehmen. (So etwas hält sich bei hohen Repräsentanten des Staates scheinbar bis heute. Anmerkung des Verfassers). Er bezog sich dabei in den Ansinnen, die er an seine Gemahlin und seine Gewissensräten, den beiden großen Reformatoren stellte, auf das Alte Testament und ließ die neuerlich (1532) erst im Reich publizierte ,hochnotpeinliche Halsgerichtsordnung‘ Kaiser Karls, die Bigamie mit dem Tode bestrafte, außer acht. … die beiden Reformatoren erteilten die ausdrückliche Genehmigung zur Heirat der Zufrau, der besonderen obwaltenden Umstände halber‘ (womit Phillips Beichte gemeint war, drei Hoden zu besitzen). Darauf geschah die außerordentliche Hochzeit …

Joachim II. Hector, Kurfürst von Brandenburg, sagte dazu: „…Es muss dem Teufel viel Arbeit gekostet haben, dem Evangelium einen solchen Klotz in den Weg zu werfen“.

Luther war im Alter ein Judenhasser. Seine Ausfälle gegenüber die Juden resultierten einmal aus dem religiösen Verständnis heraus, dass die jüdische Lebensweise, besonders ihre Erfolge im Finanzwesen, betrügerisch seien. Über Luthers Verhältnis zu den Juden gibt es unter evangelischen Theologen verschiedene Meinungen.

Margot Käßmann setzt sich in ihrer Rede ,“Zum kirchlichen und theologischen Umgang mit Martin Luthers Judenfeindschaft“ anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Martin Luther und die Juden“ 2014 in Hannover auseinander. In seiner Schmähschrift „Von den Juden und ihren Lügen“ führt er die evangelische Kirche, so Käßmann, auf einen entsetzlichen Irrweg. Unbestritten ist, dass die Nationalsozialisten Luthers Judenhass für Ihre politischen Ziele ausnutzten. Erst nach 1945 trat hier ein zögerliches Umdenken in Deutschland ein.

Trotz Luthers Anspruch, allein seine Auslegung der Bibel beinhalte die wahre Lehre, gab es einen wichtigen Vordenker seiner Lehren – Jan Hus (1370 bis 1415), den tschechischen Reformator. In der evangelischen Kirche Deutschlands ist der 6. Juli der Gedenktag für diesen Reformator. An diesem Tag im Jahr 1415 wurde er in Konstanz verbrannt.

St. Nikolai in Spandau, Lithographie 1817 zum 300jährigen Jubiläum der Reformation

Nach Luther wuchsen an allen Ecken und Enden weitere selbsternannte Propheten heran, wie Zwingli in der Schweiz (1484 – 1531) mit gänzlich anderen Lehren. Frankreich sowie Länder in Nord- und Osteuropa lassen sich von Luthers Lehren inspirieren, haben aber eigene Wortführer, die Luthers Lehren nicht wortwörtlich übernehmen.

Als älteste evangelische Freikirche könnte man die Mennoniten nennen, die sich nach ihrem Führer Menno Siemens (1496 – 1561) ihren Namen gaben. Sie sind aufgrund ihrer asketischen Frömmigkeit nur ein kleiner Kreis, obwohl sie dem ökumenischen Rat angehören. Andere Freikirchen wie Baptisten und Methodisten haben einen stärkeren Zulauf. Sie praktizieren im Gegensatz zur Staatskirche ein bewusstes, religiöses Gemeindeleben. Auch die Methodisten, deren Namen wegen ihrer methodisch geregelten Religiosität entstand, fußen auf der lutherischen Linie. Die zunehmende demokratische Ordnung in Deitschland führte dazu, dass sich von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zahlreiche Glaubensgemeinschaften bildeten. Sie tragen oft apokalyptische oder von der christlichen Kirche abweichende Züge. Allgemein werden sie als Sekten bezeichnet und zeichnen sich durch heftige Kritik an den christlichen Kirchen, durch Sendungsbewusstsein und eifrige Missionsarbeit aus. Einen, wenn auch nicht vollständigen Überblick deutscher Glaubensgemeinschaften gibt das 2016 erschiehene Buch von Gideon Böss „Deutschland, deine Götter“.

An Luther kommt keiner vorbei. Warum auch immer. Zum 500. Geburtstag von Luther gab es 1983 ein Martin-Luther-Komitee der DDR. Vorsitzender war Erich Honecker. Bei der Konstituierung des Gremiums 1980 versprach er: „Zum Jubiläum 1983 werden sich die bedeutenden staatlichen Luther-Stätten in einem würdigen Zustand präsentieren.“ Was sollte er auch sonst zum Jubiläum beitragen? In den Jahresplänen der einzelnen Territorien gab es nur minimale Baukapazitäten für Kirchenbauten. Daneben existierte noch ein Lutherkomitee der evangelischen Kirchen in der DDR. Sie wollten sich die Initiative nicht aus der Hand nehmen lassen.

Am 31. Oktober 2017 jährte sich zum 500. Mal die Veröffentlichung von Martin Luthers 95 Thesen. Jedoch entsprach die Resonanz der Veranstaltungen des großen Reformationsjubiläums nicht den Erwartungen der evangelischen Kirchenoberen. Selbst die Hauptausstellung in Wittenberg war kein Selbstläufer, wie Margot Käßmann vor Kurzem feststellte.

Die Spuren, die Martin Luther hinterlassen hat, sind aber nicht vergangen. Der Lutherischen Welt zählt heute 145 Mitgliedskirchen in 98 Ländern mit 74 Millionen Christen.

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