Wird Fahrländer Mühle gerettet?
1. März 2018
Noch mehr interessante Künstler
1. März 2018

Als die Mauer verschwand

Große Freude, viel Konfliktstoff im Grenzdorf

„Die Leute strahlten, alles jubelte, es war irre!“ So beschreibt Sigrid Dräger vom Groß Glienicker Kreis den Tag, an dem die Grenze zwischen Groß Glienicke und Spandau geöffnet wurde. Heiligabend 1989. Die Grenze verlief damals quer über die B 2. Andernorts konnte man seit dem 9. November die Mauer passieren, in Groß Glienicke musste sich die Bürgerschaft diesen Glücksmoment erst in wochenlanger Arbeit erkämpfen. Der Jubel war buchstäblich grenzenlos, aber wie das so ist nach einem Freudenrausch: unausweichlich folgte die Ernüchterung. Das Leben, das zuvor „seinen sozialistischen Gang ging“, wie man sagte, änderte sich grundlegend. „Darfste wohnen bleiben? Das haben sich fast alle gefragt“, erinnert sich Sigrid Dräger.

Über 80 % der Grundstücke im Grenzdorf waren von Rückübertragungsanträgen betroffen. Damit hatte in der Freude des Mauerfalls niemand gerechnet. Denn DDR-Bürger waren so erzogen worden, dass das Eigentum an Grund und Boden nicht so wichtig war. Wer ein Grundstück oder ein Stück Land hatte, konnte das nicht marktwirtschaftlich verwerten. Nach dem Mauerfall spielte plötzlich die Frage, wem das Grundstück gehört, auf dem man lebte, eine entscheidende Rolle. Für die Bürgerinnen und Bürger aus dem Westen war das selbstverständlich.

Großes Interesse an der Mauerfall-Veranstaltung des Groß Glienicker Kreises im Begegnungshaus

So standen 1990 zwei entgegengesetzte Lebenserfahrungen gegeneinander. Ost-West-Konflikte waren in Groß Glienicke unvermeidlich. Viele Grundstücksbesitzer hatten bis 1952, als die Außengrenzen von West-Berlin geschlossen wurden, ihre Grundstücke aufgeben müssen, sie oder ihre Nachfahren meldeten nun Eigentumsansprüche an.

Bürgermeister Ruppel und Ratsherr Lehmberg verhandeln 1989 mit dem Grenzregime die Maueröffnung.(Ortschronik)

Wie sehr die 1990er Jahre von diesen Grundstücksauseinandersetzungen überschattet waren, spürte man auch auf der Veranstaltung am Sonntag nach dem 5. Februar. Der Groß Glienicker Kreis hatte dazu eingeladen, um über die Zeit mit und ohne Mauer ins Gespräch zu kommen. Es zeigte sich: Die Erinnerung an die Kämpfe, um zu seinem Recht zu kommen, sind nicht verblasst. Das gilt für Groß Glienicker mit Ost- wie West-Biografie. Insofern hatte Groß Glienicke zwei Mal unter seiner Grenzlage zu leiden: erst durch die Abriegelung, dann durch die Folgen der Abriegelung nach dem Mauerfall.

Einweihung Mauermahnmal 1990 (Foto Kiltz)

Wenn man das bedenkt, ist es erstaunlich, welche Entwicklung unser Ort inzwischen gemacht hat. Die Kommunalpolitiker haben in den schwierigen 90er Jahren die Gemeinde planungsrechtlich neu geordnet und mit dem Neubau der Schule und dem Ausbau der Kitas Wesentliches für die Ansiedlung von Familien mit Kindern geleistet. Die Eingemeindung nach Potsdam brachte den Ausbau und die Befestigung der maroden Straßen. Insofern wurden die Grundlagen gelegt, damit sich die Entwicklung fortsetzen konnte, die durch den Zweiten Weltkrieg und die DDR unterbrochen wurde: die Entwicklung als attraktiver grüner Ort am Stadtrand von Berlin und Potsdam.

Abriss der Mauer beim Gutskindergarten 1990 (Ortschronik)

Aber das ist nur eine grobe Momentaufnahme 10.315 Tage nach dem Mauerfall. Aufgaben und Probleme, die im Zusammenspiel mit der Stadt Potsdam gelöst werden müssen, gibt es genug, wie man an der noch nicht erledigten Aufgabe freier Uferweg sieht. Ein „Labor der Wiedervereinigung“ nannten die PNN im 750er Jubiläumsjahr unseren Ort. Auch wenn der Mauerfall in immer weitere Ferne rückt, bleibt es eine Aufgabe für das Selbstverständnis der Bürgerschaft, die besondere Situation Groß Glienickes als DDR-Grenzort im Bewusstsein zu halten. Dazu bot die Veranstaltung des Groß Glienicker Kreises im Februar eine Gelegenheit – der weitere Gelegenheiten folgen sollten. Gesprächsstoff gibt es genug.

von Winfried Sträter

Die Berechnung: 10.315 Tage mit und ohne Mauer

Der 5. Februar 2018 war der Tag, an dem es zwischen beiden Zeiten einen Gleichstand gab: Vom 13. August 1961 bis zum 8. November 1989 stand die Mauer genau 10.315 Tage lang. Dann kam der 9. November 1989, der alles änderte, und vom 10. November 1989 bis zum 5. Februar 2018 sind wiederum 10.315 Tage vergangen. Von nun an wird die Mauerzeit im Verhältnis zur Zeit danach relativ immer kleiner.

Da die Mauer am Ortsrand von Groß Glienicke erst Heiligabend 1989 geöffnet wurde, sieht hier die Rechnung etwas anders aus: Vom 13. August 1961 bis zum 23. Dezember 1989 vergingen 10.360 Tage. Der Gleichstand zwischen der Zeit mit und ohne Mauer ist hier erst am 5. Mai 2018 erreicht.

Und dann gibt es noch eine dritte Rechnung für Groß Glienicke. Denn hier wurde die Grenze zum benachbarten Spandau bereits am 1. Juni 1952 geschlossen – als die Außengrenzen zwischen West-Berlin und der DDR geschlossen wurden. Seither kamen DDR-Bürger nur noch über einige wenige Grenzübergänge (u. a. Staaken) und über die offenen Sektorengrenzen innerhalb Berlins „in den Westen“. Von diesem Zeitpunkt an war Groß Glienicke ein nach Berlin hin geschlossener Grenzort. Endgültig vorbei war die Zeit erst am 30. Januar 1990, als der Grenzübergang an der B 2 dauerhaft geöffnet wurde. Wenn man diesen Zeitraum berechnet, dauert´s noch etwas, bis der Gleichstand erreicht ist: erst Ende September 2026 ist es so weit.
Winfried Sträter
X