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9. August 2017
Stadt trifft Kirche: Weiter geht’s ins 2. Halbjahr
1. September 2017

„Obwohl Jesus auch Jude sei…“

Serie zur Interaktion  „Stadt trifft Kirche“  im Rahmen  des  500. Reformationsjubiläums.
Legende Potsdam – Diskursethik zwischen Konfession und Weltanschauung
In Zeiten der Potsdamer Toleranz, zwischen Sklavenverkauf in Groß Friedrichsburg, Kur- Brandenburgischem Edikt, Soldatendrill, Ästhetisierung, Preußenverehrung, Preußenhass und Marketing.
Eine Polemik von Hans Groschupp, Folge 8

„Obwohl Jesus auch Jude sei…“

War Martin Luther ein Antisemit oder nur ein Antijudaist? Worin bestünde eigentlich der Unterschied?

„Von den Juden und ihren Lügen“

In obiger Spätschrift schreibt der Reformator  u.a.:

„(…)Jawohl, sie halten uns in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein … sind also unsere Herren, wir ihre Knechte(…)“

In den sieben Schritten, seiner selbst so genannten „scharfen Barmherzigkeit“ wird Luther noch weiter gehen. Der Ratsvorsitzende der EKD Heinrich Bedform-Strohm und die Reformations- und Lutherbotschafterin für das Gedenkjahr 2017 Margot Käßmann halten Martin Luther für keinen Antisemiten, der mit seinen Judenschriften das Ideengut der Nazis legitimieren half. Soll Martin Luther etwa etymologisch kein Antisemit gewesen, weil der Begriff erst Mitte des 19. Jahrhunderts kreiert wurde?

Semiten und Antisemiten

Es ist 1860 der Bibliograph Moritz Steinschneider, der in Bezug auf Schriften des Historikers Heymann Steinthal den Begriff „antisemitisch“ einführt. Die Historiker Heinrich von Treitschke und Wilhelm Marx werden ihn ab 1879 übernehmen und sich selbst als große Antisemiten zu erkennen geben. Sie hatten geistige Vordenker.

Wiederum ein deutscher Historiker, August Ludwig von Schlözer, hatte aus der Bibelexegese den Begriff Semitismus entwickelt. Im Alten Testament wird die Abstammung Abrahams auf Sem, den Sohn Noahs zurückgeführt. So waren alle Völker jener Zeit, die sich als Nachfahren Abrahams betrachteten, Söhne des Sem. Sie sprachen eine semitische Sprache. Somit ist Semitismus wie Germanismus oder Anglizismus ein sprachwissenschaftlicher Terminus. Ethnologisch wird er auf das Judentum bezogen. Den rassistischen Kontext, im Sinne des späteren Begriffes Antisemitismus hatte der französische Schriftsteller Joseph Arthur de Gobineau  1855 mit seinem Werk „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“ hergestellt. Er ist der Begründer des rassistischen  Antisemitismus.

„Die Juden haben Jesus umgebracht“, lautete Jahrhunderte lang die Überschrift des christlich geprägten Antijudaismus. Letzterer war als Weltverschwörungsmodell die Basis der Verfolgungen, Pogrome und Ermordungen der Juden vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Die Ansichten eines Gottesmordes durch die Juden wurden aus der Bibel abgeleitet, aus der Apostelgeschichte und den Evangelien. Paulus: „(…)Diese haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen…“ Daraus wurde eine Kollektivschuld der Juden an der Kreuzigung Jesu, der als Sohn Gottes angesehen wurde, abgeleitet. Von Bischof Melito von Sardes stammt 160 n. Chr. der Satz: „Gott ist gemordet worden.“

Im  Markusevangelium sind die Tempelpriester, die zur jüdischen Oberschicht gehörenden Sadduzäer die Verursacher des Todes Jesu. Nach dessen Tempelreinigung verabredeten sie heimlich die Festnahme Jesu, nachts mit römischen Soldaten. Der oberste jüdische Gerichtshof, der Sanhedrin, verurteilte Jesu zum Tod und lieferte ihn Pontius Pilatus aus.

Christenlüge

Jakob Fries

Der anerkannte amerikanische Jesusforscher John Dominic Crossan hält die aus den  Evangelien bezogenen Schlüsse für ahistorisch und die angeblichen Ritualmorde der Juden zum Passafest für erfunden: „Solange die Christen eine unterprivilegierte Randgruppe waren, schadeten ihre Passionserzählungen, welche die Juden als schuldig am Tode Jesu hinstellten, die Römer aber von jeder Schuld daran entlasteten….Doch als dann das römische Reich christlich wurde, wurde die Fabel mörderisch…Mögen die Ursprünge der Erfindung auch erklärlich sein und die Motive ihrer Erfinder verständlich, so hat doch das Beharren auf dieser Fabel … sie zu einer lang andauernden Lüge gemacht, und um unserer eigenen Integrität willen müssen wir Christen sie endlich als solche bezeichnen.“

Judenhasser nach Luther

Voltaire

Voltaire nannte Juden betrügerische Wucherer, diebische Geldverleiher, Abschaum der Menschheit. Lichtenberg verglich sie mit Sperlingen, die massenhaft bekämpft werden müssen. Für Fichte waren Juden Vampyre der Gesellschaft. Ein Höhepunkt des „vorbegrifflichen“ Antisemitismus war der „gute alte“ Turnvater Friedrich Ludwig Jahn. Er schreibt 1806 in „Deutsches Volkstum“: „So wie es taube Nüsse gibt, gibt es auch taube Staaten, und ohne Volkstum taube Völker. Jakob Fries kommt zu dem Schluss, die Juden seien zu vertreiben oder mit Stumpf und Stiel auszurotten. Hartwig von Hundt-Radowski möchte die männlichen Juden kastrieren lassen und die weiblichen ins Bordell stecken. Und dann werden 1817 auf dem Wartburgfest Bücher verbrannt. Jahn stellt die Liste zusammen. Ganz vorn steht des Juden Saul Ascher „Germanomanie“. Zeitzeuge Heinrich Heine schreibt: „dort wo man Bücher, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Friedrich Ludwig Jahn

Päpstliche antijudaistische Dogmen

Papst Paul IV. und Pius V. wollten die Reformation als von den Juden angestiftet sehen. Die Bulle  „um nimis absurdum“ verpflichtete 1555 die Juden in Ghettos zu leben. Und daran war wirklich Luther Schuld? Luthers Brief an Josel von Rosheim. Der Anwalt der Juden im Römischen Reich Deutscher Nation bat Luther 1537 brieflich um ein Treffen, um den Reformator zu bitten, beim sächsischen Kurfürst Fürsprache zu halten. Luther lehnte ab: „(…) Obwohl Jesus auch Jude sei und den Juden „kein Leid getan“ habe, lästerten und verfluchten sie ihn ständig. Darum vermute er: Könnten sie tun, was sie wollten, so würden sie alle Christen um Leben und Besitz bringen(…)“

Luthers „scharfe Barmherzigkeit“

Thomas Mann

1543 rief Luther in „Von den Juden und ihren Lügen“ zur Verbrennung von Synagogen und dem Verbot der jüdischen Religionsausübung auf. Das wäre Schritt 1. Die weiteren Schritte: „Ihre Häuser zu zerstören und sie wie Zigeuner in Ställen und Scheunen wohnen zu lassen, ihnen ihre Gebetbücher und Talmudim wegzunehmen, die ohnehin nur Abgötterei lehrten, ihren Rabbinern das Lehren bei Androhung der Todesstrafe zu verbieten, ihren Händlern das freie Geleit und Wegerecht zu entziehen, ihnen das „Wuchern“ (Geldgeschäft) zu verbieten, all ihr Bargeld und ihren Schmuck einzuziehen und zu verwahren. „Die Kriterien der Lutherischen Barmherzigkeit bekamen im Nationalsozialismus Gesetze, schließlich wurde 1942 die Endlösung der Judenfrage in deren industrieller Liquidierung beschlossen. In seiner Weihnachtsansprache 1942 vertrat Papst Pius XII. weiterhin die Gottesmordtheorie, durch die Juden, obwohl dem Vatikan der Holocaust bekannt war. Erst 1965 gibt das Zweite Vatikanische Konzil „Nostra aetane“ die Theorie auf. Das Schuldbekenntnis durch die Evangelischen Kirche in Deutschland lautete 1948, in einem Wort zur Judenfrage: „Wir bekennen uns zu der Schuld der Deutschen, die vor dem Gott der Barmherzigkeit durch den Massenmord an den Juden handelnd oder schweigend schuldig geworden sind.“

Der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann machte Ende Mai 1945 in Washington in seiner Rede „Deutschland und die Deutschen“ Luthers Staatsgläubigkeit für den deutschen Weg in den Nationalsozialismus mitverantwortlich.

Quellen:

Martin Luther: Ausgewählte Schriften. Berlin 1920
Die Zürcher Bibel. Zürich 1954. Lizenz Nr.481
Charlotte Klein: Theologie und Anti-Judaismus: eine Studie zur deutschen theologischen Literatur der Gegenwart. München 1975
John Dominic Crossan: Jesus-Ein revolutionäres Leben. München 1996

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